„Helfen produziert Glückshormone“

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Der Bad Kreuznacher Hotelier Alex Jacob kämpft für Menschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Er hat die „Aktion Augenlicht e.V.“ gegründet und so schon mehr als 400 Kindern zu einer Operation verholfen.

rostfrei: Herr General-Honorarkonsul, Sie sind jetzt 72 Jahre alt und widmen sich täglich 14 Stunden der Arbeit und Ihren ehrenamtlichen Tätigkeiten und schlafen nur vier Stunden pro Nacht. Haben Sie schon einmal daran gedacht, kürzer zu treten?
General-Honorarkonsul Alex Jacob: Ich glaube, mit 14 Stunden Arbeiten komme ich nicht hin und kann nur eins sagen: Ich bin überaus glücklich, wenn mir vier Stunden bleiben zum Ruhen. Ich kann nur unserem Herrgott danken, dass er mir diese robuste Gesundheit geschenkt hat und dass ich immer noch jeden Tag die Kraft habe, den inneren Schweinehund zu besiegen, um meinen Frühsport zu machen.

rostfrei: Also noch nie daran gedacht, in Rente zu gehen?
Jacob: Ich habe lange davon geträumt, früh in Rente zu gehen. Dann habe ich das mal zwei drei Monate ausprobiert. Das war die schlimmste Zeit meines Lebens. Ich habe noch nie so schwer geschafft wie in den letzten drei Jahren. Bin 80.000 Kilometer in der Luft jedes Jahr und schlafe kaum. Aber der Dank der Menschen, denen ich wieder eine Zukunftsperspektive gegeben habe, ist meine Motivation. Ich habe vor kurzem einen Brief bekommen, in dem schreibt eine 23-jährige aus Bukarest, sie danke mir, so lange sie lebe, für das was ich für sie getan habe. Sie hatte einen Tumor, der aufs Gehirn gedrückt und die Sauerstoffzufuhr unterbrochen hat, so dass sie ständig ins Koma gefallen ist. Das konnten wir operieren. Die Glückshormone, die der Körper aussendet, wenn man anderen Menschen hilft, genau diese Hormone benötigt man, um alt zu werden. Und ich werde alt. Ich werde 100 Jahre alt.

rostfrei: Sie sind unter anderem General-Honorarkonsul des Landes Rumänien. Wie wird man zum General-Honorarkonsul und welche Aufgaben sind mit diesem Amt verbunden?
Jacob: Zu Rumänien kam ich wie die Jungfrau zum Kinde. Helmut Kohl wollte mich zuerst in der Türkei, aber daraus wurde aus verschiedenen Gründen nichts. Rumänen hat sich unbürokratisch mit mir in Verbindung gesetzt und hat mich sofort freundlich integriert. Das hat einfach gepasst. Mittlerweile bin ich Gastdozent an der Universität in Bukarest für Tourismus und Wirtschaft. Dort Vorträge zu halten, macht mir immer wieder Spaß. Welche Aufgaben man hat? Naja, die Zeiten, in denen man nur der Ehre wegen General-Honorarkonsul werden konnte und mit Sekt und Kaviar in der Hand von einer Präsentation zur nächsten geeilt ist, sind auf jeden Fall vorbei. Heute ist es Knochenarbeit, General-Honorarkonsul zu sein. Meine Aufgabe besteht darin, Rumänien optimal interessemäßig zu vertreten und wirtschaftsfördernde Maßnahmen zu forcieren. Wenn Firmen Interesse haben, sich wirtschaftlich in Rumänien zu betätigen, bin ich deren Ansprechpartner. Aber mein größtes Ziel ist es, mich dort auch humanitär zu engagieren. Und das alles kostenlos. Ich sage Ihnen eins: Wenn einer finanziell nicht einigermaßen gut ausgestattet ist, sollte er sich nicht um das Amt bewerben.

rostfrei: Ihr Reichtum ist hart erarbeitet. Wir sitzen hier im Quellenhof, dem Hotel, das Sie vor dem Abriss bewahrt und das Sie wieder aufgebaut haben. Bitte erzählen Sie uns etwas über Ihre Herkunft und Ihre Anfangsjahre als Unternehmer.
Jacob: Ich stamme aus einer Arbeiterfamilie. Wir waren arm, mein Vater ist im Krieg gefallen und meine Mutter hat sich für uns aufgeopfert. Ich habe viel Liebe bekommen und habe nie vergessen, wo ich herkomme. Früher war ich ein bekannter Sportler – Fußballer, habe Oberliga gespielt, damals Südwestliga. Jeder kannte mich als Sportler. Dann habe ich eine Wirtschaft aufgemacht. Ich rauche nicht und trinke keinen Alkohol, aber habe eine Wirtschaft aufgemacht. Das fanden natürlich alle ungeheuerlich. Das erste Lokal von mir war ein Bistro, 1959, da gab es ungarische Spezialitäten und es hieß „Zum Fußball“. Bei der Eröffnung haben sie in Zweierreihen vor der Tür gestanden. Heute gehöre ich zu den angesehensten und finanziell renommiertesten (obwohl es jetzt wieder heißt, ich würde hochstapeln) Persönlichkeiten in Bad Kreuznach. Wenn Sie mit mir und dem Oberbürgermeister durch die Stadt gehen, dann fragen die Leute: „Wer ist denn das neben dem Alex?“ Mein Fundament ist, dass ich mit den Füßen auf dem Boden geblieben bin trotz meiner Erfolge.

rostfrei: Für Ihre Aktion Augenlicht e.V. reisen Sie oft nach Tschetschenien und Rumänien, um Minenopfern und Waisenkindern zu helfen, die ihr Augenlicht verloren haben. Wenn Sie in Tschetschenien sind, reisen Menschen aus dem ganzen Land an, um Sie um Hilfe zu bitten. Was ist es für ein Gefühl, eine Auswahl treffen zu müssen?
Jacob: Das ist wirklich sehr schwer. Früher ist mir das Tag und Nacht durch den Kopf gegangen, aber heute ist man da schon etwas erfahrener. In Tschetschenien ist es so, dass es keine Familie gibt, in der kein Leid herrscht. Bei der letzten Reise haben sie mir einen Jungen von 18 Jahren gebracht. Beide Arme bis zum Ellenbogen abgerissen durch eine Mine, die Augen zuoperiert und die Mutter weinte – ohne Tränen. Und dann habe ich gefragt, wie das passiert ist: Seine kleine Schwester von drei Jahren hat beim Spielen eine Mine gesehen, wollte hin, doch der Bruder hat sich vorher auf die Mine geschmissen, um sie zu retten. Der Schwester ist gar nichts passiert. Ich habe sofort veranlasst, dass der Junge in die Augenklinik nach Moskau kommt.

rostfrei: Warum haben Sie einen so großen Erfolg mit Ihrem Engagement?
Jacob: Es muss heute Menschen geben, die sich Zeit nehmen für Gespräche. Man darf dabei nicht Meinungen aufdrücken wollen, sondern muss offen und geduldig sein. Es gibt kein Gespräch, aus dem ich nicht wenigstens einen positiven Satz mitnehme. Und man braucht diplomatisches Geschick. Ich habe mit den Politikern nichts am Hut, gehöre keiner Partei an, aber ich brauche sie für meine Arbeit. Wenn ich mich heute mit den Russen, die in Tschetschenien eine Art Völkermord begangen habe, anlege, dann kann ich morgen den Kindern nicht mehr helfen. Ich habe heute noch eine Spende von über 100.000 Euro für krebsranke tschetschenische Kinder nach Russland zu transferieren. Hier helfen mir Walter Strutz und Kurt Beck. Ich stehe seit über drei Jahrzehnten in der Öffentlichkeit und habe ein breites Echo und jeder weiß: Wer mit mir nicht zurechtkommt, ist selber schuld.

rostfrei: Welche Ziele möchten Sie in den nächsten Jahren noch verwirklichen?
Jacob: In Grosny möchte ich für 42 blinde Kinder eine Nähwerkstatt eröffnen. Das Konzept ist fertig und der Rohbau für „Alex Jacobs Nähwerkstatt“ steht. Hier schaffe ich für 42 Kinder vertraglich honorierte Arbeitsplätze. Ich möchte weiter aktiv sein für Menschen, die nicht wie ich auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Man muss sich nur vorstellen: In Tschetschenien wurden 500.000 Minen abgeworfen, darunter 140.000 Spielminen. Die sind schöner als das schönste Spielzeug, das Sie je gesehen haben. Deshalb gilt mein Kampf auch den Herstellern von Spielzeugminen.

rostfrei: Würden Sie etwas in Ihrem Leben ändern, wenn Sie die Zeit zurückdrehen könnten?
Jacob: Ich würde nichts ändern. Ich bin glücklich. Mein Lebenselixier ist, anderen Menschen zu helfen. Und deshalb bin ich so gefestigt. Es ist egal, ob Sie vor mir sitzen oder der Putin, das spielt keine Rolle. Das ist auch, was mich auszeichnet: Ich gebe mich so, wie ich bin. Ich habe auch kein Lampenfieber mehr. Man lernt, aber man hat auch viel in die Wiege gelegt bekommen. Die Erziehung ist entscheidend und das Elternhaus. Ich habe viel Liebe bekommen. Und eins ist klar: Ich brauche nicht zu bereuen, dass ich gelebt habe, wenn ich morgen tot umfalle. Ich habe viele Denkmäler gesetzt. Gestern wurde im Stadtparlament Bad Kreuznach übrigens entschieden, mir die Ehrenbürgerschaft zu verleihen.

Augenlicht spenden
Der Verein „Augenlicht“ e.V. setzt sich für bedürftige Kinder in Rumänien und Tschetschenien ein. Die Aktion „Augenlicht“ e. V. finanziert durch Spenden die dringend notwendigen Operationen und schenkt so verarmten, blinden, augenkranken und vom Krieg seelisch und körperlich traumatisierten Kindern das ersehnte Augenlicht. Eine Spende kommt in voller Höhe den betroffenen Kindern zugute.

Spendenkonten
„Augenlicht“ e.V.
Sparkasse Rhein-Nahe
Kto.-Nr.17 002 569
BLZ 560 501 80

„Augenlicht“ e.V.
Volksbank Nahetal
Kto.-Nr. 102 126 969
BLZ 560 900 00

Text und Foto: Kerstin Petry