Chic, die Alte
„Jenseits der 50 musst Du Dich entscheiden“, sagt meine Freundin Ruth, „Ziege oder Kuh“. Sie hat sich nicht für Ziege entschieden. Sie ist vollschlank und es steht ihr gut. Daran muss ich denken, wenn ich meine überschlanke Tischnachbarin im Hotelrestaurant anschaue. The Bridge on the River Kwai the movie Casanova full movie State’s Evidence video 48 Angels ipod Dane Cook: Isolated Incident divx Scary Movie video
Hier in der Nobelherberge treffen sich die jungen Alten. Camperferien und Abenteuer-Events hinter sich lassend, genießen sie Komfort und Wellness, im Urlaubsgepäck eine Sammlung Brillen, Vitamintabletten, Tönungsfestiger und straffendes Gel pour les yeux.
Ich gehöre dazu. Und ich treibe meine Studien. Wie alt wird sie sein, diese Frau? Vielleicht 60? Doch leider – ihr Lächeln ist das einzig Natürliche an ihr. Mit ihrer Augenbemalung könnte sie in einer Travestieshow auftreten, viel zu stark. Das Haar zu schwarz, die Zähne zu weiß, das pinkfarbene Top zu neckisch. „Weniger wäre mehr“, denke ich.
Und was lerne ich daraus? Dass sich mein Bild von mir langsam verändert, dass ich Lebensjahre, gefühltes Alter und äußeres Erscheinungsbild in Einklang bringen möchte: Ton-in-Ton-Farben, sanfte Übergänge, Verzicht auf modischen Schnickschnack. Geht doch. Ein Seidentuch so drapieren, dass es nicht nur schmückt, sondern auch dieses und jenes überspielt. Das muss man können. Daran muss ich noch arbeiten.
Bei den Jeans wechsle ich von der Knackigen über die Klassische zur Komfortablen. Die jugendlich wippenden Sommerröcke? Nein, die werden noch nicht sofort aussortiert. Aber ein elegantes schmales Teil hängt schon im Schrank. Die klotzigen Modeketten verschenke ich an die Enkelinnen, genauso wie die langen Ohrgehänge, die an mir so einen Touch von ‚letzter Versuch’ haben. Dezenter Schmuck, eine edle Uhr, damit fühl’ ich mich jetzt wohler. Chic auf den zweiten Blick. Hoffen wir, dass jemand auch zweimal hinschaut.
Die schrille Alte ist jedenfalls nicht meine Perspektive für die kommenden Jahre. Dazu müsste man Lebenskünstlerin sein und nicht Durchschnittsfrau. Feine ältere Dame? Womöglich. Klingt aber ein bisschen langweilig. Ich sehe mich da eher in der goldenen Mitte zwischen gestylt und natürlich, zwischen elegant-aufgebrezelt und sportlich. Und sollte mal jemand hinter mir hertuscheln „Klasse, die Alte“, werd’ ich mich weder beleidigt, noch gemobbt, noch belästigt fühlen. Versprochen!
Frauenthema, viel Lärm um nichts, meinen Sie? Ach nein, auch bei den Herren der Schöpfung gibt’s beim Rollenwechsel ins Opa-Fach Probleme – und das nicht zu knapp. Darüber müssen wir dann noch mal reden.
Helga F. Weisse (73), ist freie Autorin, scharfsinnige Alltagsbeobachterin und Kolumnistin bei rostfrei.
