Der springende Winzer
In wenigen Wochen will ein Mann aus Heidesheim zum 26. Mal in Folge das Sportabzeichen machen. Eine reife Leistung für jeden Freizeitsportler, erst recht für einen 85-Jährigen.
Es ist ein schöner Tag im Mai 1982 als der Winzer und Landwirt Philipp Arnold auf seinem Feld arbeitet. Auf dem benachbarten Sportplatz der TSG v. 1848 in Heidesheim ist an diesem Tag viel Betrieb. Männer und Frauen verschiedenen Alters sieht er dort angestrengt und hochkonzentriert laufen, springen und werfen. Anscheinend geht es um etwas Wichtiges und neugierig geworden, unterbricht der damals 60-Jährige seine Arbeit, um sich das sportliche Treiben aus der Nähe anzuschauen. Heute ist Prüfungsabnahme für das Sportabzeichen erfährt er dann, eine sportliche Auszeichnung, die jeder einmal im Jahr bekommen kann, wenn er in fünf Disziplinen die geforderte Leistung schafft. „Das kann ich auch“, denkt sich der Heidesheimer ganz spontan, krempelt die Ärmel hoch und fängt in seinen ganz normalen Arbeitsklamotten an mit Weitsprung, Sprint und Kugelstoßen. Ein paar Tage später muss er noch 200 Meter Schwimmen und 20 Kilometer Rad fahren und „schon“ ist es geschafft: Mit 60 Jahren erhält Philipp Arnold zum ersten Mal das Deutsche Sportabzeichen und er entdeckt seine große Leidenschaft für den Sport.
Keine Zeit zum Trainieren
Heute ist Philipp Arnold 85 Jahre alt und im Mai will er sich zum 26. Mal der sportlichen Herausforderung stellen. Wie immer ohne vorheriges Training, weil er einfach keine Zeit dafür hat, denn auf dem Feld und im Weinberg arbeitet er immer noch täglich. Als Chef des Weingutes Berg-Arnold sorgt er dafür, dass jedes Jahr 30.000 Liter Wein in die Flaschen kommen und die Ernte von Äpfeln, Kirschen und Zwetschgen erledigt sich auch nicht von alleine. Aber die körperliche Arbeit hat auch ihr Gutes, denn der Freizeitsportler ist immer noch unglaublich fit. 20 Kilometer Rad fahren schafft er nach wie vor in weniger als einer Stunde, obwohl er sich für das Sportabzeichen sogar 70 Minuten Zeit lassen könnte. Das sind die Anforderungen für einen 80-Jährigen, denn hier hört die offizielle Tabelle auf, der man entnehmen kann, welche Leistungen Männer und Frauen in ihrer Altersgruppe bringen müssen. Es gibt einfach zu wenige Über-80-Jährige, die das Sportabzeichen machen wollen.
An den Ruhestand denkt Philipp Arnold noch lange nicht. „Was soll ich dann mit der Zeit anfangen?“, winkt er ab und steigt lieber auf sein Fahrrad, um zur Arbeit zu fahren. Nur mit dem Wettkampfsport hat er inzwischen aufgehört. Mit 65 hat er noch an den Deutschen Seniorenmeisterschaften teilgenommen und mit vier Metern im Weitsprung die Leistung eines 45-Jährigen geschafft. Dazu kamen zahlreiche erste, zweite und dritte Plätze bei regionalen Wettkämpfen in Rheinhessen und bei den Vereinsmeisterschaften. Ein sportlicher Höhepunkt in seinem Leben bleibt auch der große Partnerschaftslauf im Jahr 1989, bei dem es von Heidesheim aus in die französische Partnerstadt Auxonne ging. Zum 25. Jubiläum der Städtepartnerschaft musste damals eine Strecke von 527 Kilometern zurückgelegt werden, bei der sich die Läufer alle 5 Kilometer ablösten. Ein unvergessliches Erlebnis, von dem der Heidesheimer noch heute schwärmt.
Mitmachen kann jeder
Natürlich muss man nicht warten, bis man 85 Jahre ist, um das Sportabzeichen zu machen. Mitmachen kann jeder, man muss nicht einmal Mitglied im Sportverein sein. Viele Vereine bieten von Frühjahr bis Herbst Trainingsmöglichkeiten für jedermann an und bei diesen so genannten Sportabzeichen-Treffs kann man Gleichgesinnte treffen und gemeinsam ausprobieren, wie fit man für sein Alter ist und in welchen Bereichen noch Trainingsbedarf besteht. In der Regel werden dann einmal pro Monat Prüfungstermine angesetzt.
Die Disziplinen für das Deutsche Sportabzeichen sind in fünf Gruppen eingeteilt:
In Gruppe 1 geht es um die allgemeine Schwimmfähigkeit. Hier hat man keine Wahl, sondern muss 200 Meter in einer bestimmten Zeit schwimmen.
Gruppe 2 überprüft die Sprungkraft, wobei man zwischen Weitsprung, Hochsprung und Standweitsprung (ab 50 Jahren) wählen darf.
Gruppe 3 heißt Schnelligkeit, die man beispielsweise mit einem Sprint über 100 Meter nachweisen kann.
In Gruppe 4 geht es um die Schnellkraft, das heißt Kugelstoßen oder Ballweitwurf.
In Gruppe 5 wird schließlich die Ausdauer mit Disziplinen wie 3000 Meter laufen oder 20 Kilometer Rad fahren überprüft.
Natürlich muss ein 60-Jähriger nicht genauso schnell laufen wie ein 30-Jähriger und eine Frau muss die Kugel nicht genauso weit stoßen wie ein Mann. Die Anforderungen sind nach Alter und Geschlecht gestaffelt und können in einer Tabelle nachgelesen werden. Wer alle fünf Disziplinen erfolgreich absolviert hat, erhält beim ersten Mal das Sportabzeichen in Bronze, beim dritten Mal in Silber und nach dem fünften Mal in Gold. Preiswert ist das Ganze auch noch und kostet lediglich eine Bearbeitungsgebühr von drei Euro.
Philipp Arnold steht 2009 auch noch eine ganz andere Auszeichnung bevor. Im kommenden Jahr feiern er und seine Frau Maria ihren 60. Hochzeitstag. Das ist eine Ausdauerleistung der besonderen Art, zu der wir den beiden jetzt schon herzlich gratulieren.
Ein Abzeichen mit Tradition
Im Jahr 1912 wurde zum ersten Mal eine offizielle „Auszeichnung für vielseitige Leistungen“ auf dem Gebiet der Leibesübungen verliehen. Den Vorreiter des Deutschen Sportabzeichens konnten damals allerdings nur Männer bekommen. 1921 wurde die Auszeichnung umbenannt in „Deutsches Turn- und Sportabzeichen“ und seitdem können auch Frauen das Abzeichen erlangen. Jungen dürfen seit 1925 teilnehmen, Mädchen seit 1927. Seit 1934 trägt das Abzeichen den bekannten Namen „Deutsches Sportabzeichen“ . Die Abkürzung DOSB steht für Deutscher Olympischer Sportbund. Zwar gab es 1937 noch einmal eine Umbenennung in „Deutsche Reichsauszeichnung für Leibes-übungen“, aber seit 1952 heißt es endgültig wieder „Deutsches Sportabzeichen“ und bis heute haben rund 29 Millionen Männer, Frauen und Kinder ihre Sportlichkeit unter Beweis gestellt.
Weitere Informationen zum Deutschen Sportabzeichen erhalten Sie bei den Sportvereinen vor Ort oder im Internet unter www.sportabzeichen.de.
