Die späte Lust am Lernen

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Lernen als Lustprinzip – was Schüler für einen schlechten Witz halten, ist für viele ältere Menschen erstrebenswert. Endlich Zeit haben für das, was man immer schon tun wollte: Philosophieren, fremde Kulturen oder Sprachen studieren, den Umgang mit dem Computer lernen. Der Wissensdurst älterer Menschen lässt Weiterbildungsangebote florieren. Wir stellen Ihnen einige regionale Einrichtungen vor.

Eine relativ junge Institution des Lernens für Ältere sind Seniorenakademien. Hierbei geht es nicht nur um Bildung, sondern auch um Beratung, Kommunikation und verschiedene Formen der Beteiligung. Hier gibt es keine vorgeschriebenen Bildungswege und -inhalte, vielmehr können Interessierte in vielfältiger Weise aktiv werden und von der Rolle des Lernenden in die des Dozenten schlüpfen oder als Berater fungieren. So auch rostfrei-Autorin Helga F. Weisse, die an der „Akademie für Ältere“ in Wiesbaden aktiv ist und diese Einrichtung und ihr Angebot im Folgenden ausführlich vorstellt:

Seniorenakademien – innovative Lernformen
Die „Akademie für Ältere“ in Wiesbaden ist ein Kooperationsverbund zahlreicher Bildungseinrichtungen und sozialer Netzwerke, der in dieser Vielseitigkeit in Deutschland bisher alleine steht. Bereits seit 15 Jahren schreibt die Akademie für Ältere ihre Erfolgsgeschichte. Akademie – das klingt nach hochgesteckten Voraussetzungen, nach Abi-Durchschnitt nicht über 2,0. Das darf sein, muss aber nicht. Geschäftsführerin Marianne Latsch erklärt das Ziel der Einrichtung: „Wir wollen Kultur- und Bildungsangebote schaffen nicht nur für, sondern auch von und mit älteren Menschen, die offen, interessiert und wissbegierig sind, die am gesellschaftlichen Leben aktiv teilnehmen, Kontakte pflegen und eigene Ideen und Fähigkeiten einbringen wollen, die in Gemeinschaft mit anderen lernen möchten auf ein definiertes Bildungsziel hin oder einfach so.“
Die Angebote orientieren sich weniger an einem klassischen Fächerkanon als an praktischen Anwendungsbereichen und am „freien Spiel der Kräfte und Interessen“. Das 120-seitige Programmheft der Akademie kann sich sehen lassen: Computerkurse für Senioren gibt es inzwischen überall, aber wer bietet schon eine Veranstaltung an, die sich „Alt & Jung schrauben gemeinsam am PC“ nennt? Und wo sonst kann man neben den gängigen Fremdsprachen auch die Gebärdensprache lernen? Ein breites Angebot an Semesterkursen, zeitlich begrenzten Projekten oder Einzelveranstaltungen findet sich unter Oberbegriffen wie „Kultur und Kreativität“, „Gesundheit/Körper-Seele-Geist“, „Heimat und Geschichte“ und, passend zum Jahresschwerpunkt, „Alles Technik, aber wie?“ Nein, hier geht es nicht nur um PC und Internet, auch Camcorder- und Videofreunde, Digitalfotografen und Handybenutzer werden hier schlau gemacht. Unter „Lebenssinn/Lebensbilanz“ finden wir alleine fünf laufende Kurse, die das Wort Philosophie im Titel tragen. „Gott im Alltag“, „Verlust“ und „Trauern“ sind Inhalte weiterer Angebote für Interessierte oder Betroffene, die sich in Kursen oder zur Gruppenarbeit zusammenfinden. „Geldanlagen“, „Erbrecht“, „selbstbestimmte Lebensführung im Alter“ – das sind einige der Themen, die unter dem Begriff „Verantwortlich leben“ als Kurs, Vortrag oder Diskussionsrunde angeboten werden.
Schauen wir einmal hinein in einen solchen Gesprächskreis, z.B. in die Seniorenrunde bei „Politik am Nachmittag“. Niemand ist unter sechzig, viele über siebzig und alle das Gegenteil von abgeklärt mit einem politischen Spektrum von links bis rechts, na ja, sagen wir dreiviertellinks bis halbrechts. Es wird in der Regel mit hoch qualifizierten Referenten diskutiert und reflektiert über Themen von Integrationspolitik oder Globalisierung bis Kant, von der Rolle der Medien, dem Klimawandel bis zum Wiesbadener Busfahrplan – ein weit gesteckter Rahmen also, der auch eine Sicht auf die Nebenschauplätze von Politik und Gesellschaft zulässt. Wo sonst kann man sich schon für umgerechnet 4,75 Euro zwei Stunden lang nicht nur nett aufregen und austauschen, sondern auch kompetent informieren und zum Weiterdenken anregen lassen. Dieser Kurs trägt mit Sicherheit dazu bei, dass die Teilnehmer, die sich achtmal pro Semester treffen, bis ins hohe Alter wach, kritisch und tolerant bleiben werden. Wenn also irgendwo platte Stammtischparolen verkündet werden, aus dieser Runde stammen sie garantiert nicht!
Doch nicht nur für Menschen, die sich im Ruhestand befinden, ist die „Akademie für Ältere“ gut aufgestellt. Angesprochen sind auch Berufstätige, die sich auf das Ende ihres Arbeitslebens vorbereiten und sich mehr Zeit zur Pflege ihrer Interessen nehmen möchten oder neue Möglichkeiten ausloten wollen.
Der „Akademie für Ältere“ gelingt durch die Vielzahl der Kooperationspartner von den Volksbildungswerken in den Stadtteilen bis zur Arbeiterwohlfahrt, von der Fachhochschule bis zur Anthroposophischen Gesellschaft ein bemerkenswerter Spagat. Hier wird Nachbarschaftshilfe im weitesten Sinne und Weiterbildung mit hohem Anspruch geboten. Durch die zahlreichen Anbieter gestalten sich auch die Gebühren sehr unterschiedlich. Die nicht speziell für Ältere konzipierten Sprachkurse der VHS z.B. kosten ungefähr 50 bis 100 Euro pro Semester. An ein- oder mehrteiligen Vorträgen, Projekten oder Gesprächskreisen kann man kostenlos oder gegen geringe Gebühr teilnehmen. Für Gymnastikkurse, die es in sage und schreibe 30 verschiedenen Variationen gibt, sind bis zu 70 Euro pro Semester zu zahlen. Und im „Geselligen Singtreff“ darf jeder ganz umsonst mitsingen, aber durchaus nicht vergeblich.
Bevor ich den Katalog der Akademie für Ältere zuklappe, finde ich noch einen Ausspruch von Yves Montand, einfach so hineingestreut mitten in den Programmtext: „Humor, Zärtlichkeit und Aufmüpfigkeit sind die besten Mittel gegen das Altern.“ Schon fast ein gutes Schlusswort. Ich füge einen abschließenden Gedanken hinzu, der sicherlich auch dem Selbstverständnis der „Akademie für Ältere“ entspricht: Auf der Zielgeraden unseres Lebens dürfen wir schon mal schwächeln, zum Stehenbleiben aber gibt es keinen Grund. Betrachten wir doch einfach die nach oben offene Bildungsskala als ständige Herausforderung oder wenigstens als lebenslange Einladung.

Info und Programm:
Akademie für Ältere
c/o vhs Wiesbaden,
Biebricher Allee 42, 65187 Wiesbaden,
Tel: (0611) 9889-162,
E-Mail: mlatsch@vhs-wiesbaden.de, www.akademie-fuer-aeltere-wiesbaden.de

Universitäten – das Studentenleben nachholen
Die ersten Studienangebote und Studiengänge für ältere Erwachsene setzten Ende der 80er Jahre ein. Mittlerweile können sich ältere Menschen in Deutschland an über 50 Hochschulen wissenschaftlich weiterbilden. Während ältere Studierende am Anfang zumeist in den ganz normalen Hochschulalltag integriert wurden, liegt heute der Schwerpunkt bei neuen Formen wissenschaftlicher Weiterbildung.
So bietet die Johannes Gutenberg-Universität Mainz mit „Studieren 50plus“ ein strukturiertes Studienprogramm mit eigenem Abschluss in Form eines Zertifikats an. Es richtet sich an Menschen, die sich im Ruhestand befinden oder kurz davor stehen und an Personen, deren Kinder aus dem Haus sind. Für den Erwerb des Zertifikats müssen mindestens drei Veranstaltungen pro Semester besucht werden. Abitur braucht man keins, einzig Interesse ist Voraussetzung. Am 14. April beginnt das Sommersemester, in dem Studierenden insgesamt 29 Kurse zur Verfügung stehen. Darunter viel Historisches, wie die Veranstaltungen „Alexander der Große – Welteroberer und Visionär“ oder „Mainz in römischer Zeit X: Frauenleben in der Antike“ sowie viel Kunsthistorisches mit Titeln wie „Das Menschenbild in der Malerei“ oder „Die wichtigsten Gemälde der Kunstgeschichte – Ein Spaziergang durch die Welt der Malerei“. Mit Angeboten wie „Brauchen wir einen Gott? Wertediskussion im postchristlichen Zeitalter“, „Einführung in die Literatur der Romantik“ oder „Islamische Theorie – eine Einführung“ kommen auch Germanistik, Politik und Philosophie nicht zu kurz. Der Preis für die meisten der angebotenen Kurse liegt bei 130 Euro. Wer in mehrere Kurse hineinschnuppern möchte, zahlt 500 Euro und kann so alle angebotenen Veranstaltungen besuchen. Das Programm „Studieren 50plus“ wurde vor sieben Jahren zum ersten Mal angeboten. Seitdem ist die Zahl der Teilnehmer kontinuierlich gestiegen. Für das Sommersemester werden circa 300 Teilnehmer erwartet. Anmeldeschluss für die Kurse ist der 1. April.

Info und Programm:
Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Zentrum für wissenschaftliche Weiterbildung (ZWW),
55099 Mainz, Tel: (06131) 39-22133, E-Mail: studieren-50plus@verwaltung.uni-mainz.de, www.zww.uni-mainz.de.
Einer Teilauflage von rostfrei liegt das Programm „Studieren 50plus“ bei.

Volkshochschulen – Vielfalt und Kurse für den Alltag
Nicht nur die Hochschulen stillen den Hunger vieler Älterer nach Bildung und Kommunikation. Auch Volkshochschulen bieten seit Jahren neben ihrem allgemeinen Kursangebot spezielle Seniorenprogramme an. Das Kursspektrum ist groß, oft finden Interessenten in den Zweigstellen in ihrer Nähe ein Angebot, das sie interessiert.
Ein Beispiel ist die Kreisvolkshochschule Mainz-Bingen, die in ihr Programm ein Angebot für ältere Lernende aufgenommen hat. Die Frage nach dem „Warum“ beantwortet Monika Nickels, Leiterin der Kreisvolkshochschule: „Ältere Menschen haben andere Lernbedürfnisse als junge Menschen und oftmals gibt es eine gewisse Angst, nicht mithalten zu können, beispielsweise wenn es um das Lernen von Sprachen geht oder um den Umgang mit technischen Geräten“, erklärt sie. Hierzu gehört der Kurs „ und E-Mail“, der am 1. April beginnt oder der Kurs „Betriebssystem MS Windows“, der am 7. Mai startet. Die Kursleiter achten darauf, die Lerngeschwindigkeit zu drosseln und den Bedürfnissen der Kursteilnehmer anzupassen, Dinge gerne auch mehrfach zu erklären und speziell konzipierte Lernutensilien zu verwenden, die auf die Interessen Älterer zugeschnitten sind. Beliebt sind die Kurse „Unterhaltsames Gedächtnistraining“ von denen einer am 29. und einer am 30. April beginnt. Im Bereich Gesundheit kooperiert die Kreisvolkshochschule mit der Deutschen Angestellten Krankenkasse Mainz. Versicherte können deshalb an Kursen wie „Wirbelsäulengymnastik“ zu vergünstigten Konditionen teilnehmen. Generell liegen die Preise im Vergleich zu einem Studium recht niedrig und erstrecken sich von 20 bis 70 Euro.

Info und Programm:
Kreisvolkshochschule Mainz-Bingen e.V.,

Georg-Rückert-Str. 11,
55218 Ingelheim am Rhein,
Leiterin: Monika Nickels M.A.,
Tel: (06132) 787-7100 bis 7103
E-Mail: info@kvhs-mainz-bingen.de, www.kvhs-mainz-bingen.de

Buchtipp
Monica Fauss
Lernen ist Leben
Patmos, 2007
188 Seiten, 16 Euro