Frühlingserwachen – fünf Sinne in Aufruhr

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Jean–Jacques Rousseau betonte, im Garten finde der Mensch wieder zu den Quellen seines Ichs, dort entdecke er seine Natürlichkeit und seine verkümmerten Sinne wieder. Odile Landragin entführt Sie auf eine sinnvolle Gartenreise.

Der Frühling steht vor der Tür. An den Temperaturen kann man das schon lange nicht mehr festmachen. Auch die letzten Monate waren weit entfernt von dem, was wir Winter nennen. Aber die Spatzen pfeifen es von den Dächern und die Schneeglöckchen recken ihre Köpfe aus saftig brauner Erde. Vermutlich sind die ganz verwirrt, wie leicht sie den Weg ans Tageslicht gefunden haben: Kein frostiger Boden, keine Schneedecke, durch die sich die zarten Pflänzchen hätten schieben müssen. In Frankreich, wo ich vor langer Zeit einmal hergekommen bin, nennt man sie „perce neige“, was so viel heißt wie „den Schnee durchlöchern“. Wenn das so weiter geht, wird ihr bildlicher Name wohl dem Klimawandel zum Opfer fallen.
Der Garten steht schon in den Startlöchern, nur ich hinke noch hinterher. Meine Gärtnerseele sagt mir, dass die wohlverdiente Winterpause noch nicht um sein kann. Wer so viel in der Natur arbeitet, muss auch ein Stück Natur in sich tragen. Ich bin also noch nicht ganz aus dem Winterschlaf erwacht, aber die Sinne regen sich schon. Derzeit mehr aus Fürsorgepflicht denn aus Rastlosigkeit inspiziere ich den Garten, schließlich hat der eingeschränkte Winterdienst sein Hauptaugenmerk auf das Wohlergehen der echt Pflegebedürftigen in den Gewächshäusern gerichtet. Nun gilt es, erste neugierige Blicke in alle Winkel des Gartens zu werfen. Ich bin mir fast sicher: Auch diesmal werden meine mehr oder weniger Winterfesten die kurzen Frostperioden spielend überlebt haben. Schlimmer als die Kälte ist für viele Pflanzen die Trockenheit, die mit dem Frost einhergehen kann. Ich habe gut reden. Meine Gewächshäuser beherbergen alles, was in kleinen Töpfen draußen verenden würde und Umzugsmühen mit großen Pflanzen erspare ich mir, denn ich halte es gerne mit dem Prinzip der großen Gärtnerin Vita Sackville-West, wonach Pflanzen, die sich in unserem Garten allzu schwer tun, nicht über Gebühr zum Bleiben genötigt werden sollten, weil das weder uns noch ihnen Freude macht. Im lokalen Sprachgebrauch heißt das: „Nur die Harten kommen in den Garten.“
Diese Devise setzt eine große Portion Gelassenheit voraus. Wenn aber tatsächlich der Fall eintritt und eine Pflanze die kalten Wochen nicht überstanden hat, lasse auch ich Arme und Mundwinkel hängen. So ist eine meiner Lieblingspflanzen, der Zitronenstrauch (Verveine), eigentlich in Südamerika beheimatet und dennoch gehe ich Jahr für Jahr die Zitterpartie ein, sie ungeschützt draußen überwintern zu lassen. Bis jetzt hat sie mich nicht enttäuscht, aber niemals würde ich diese Pflanze ohne den Hinweis abgeben, dass sie eigentlich nicht winterhart ist. Vor allem Jungpflanzen, deren Stiele noch nicht verholzt sind – und damit lässt sich diese duftende Südländerin viel Zeit – sind kälteempfindlich. Das rheinhessische Sonderklima kommt uns mit seiner Milde freilich sehr entgegen. Manche mögen es aber nicht nur mild, sondern auch feucht. Der Rosmarin lässt keine Zweifel über seine Ansprüche aufkommen, die Übersetzung seines Namens, „Meerestau“, ist eben nicht nur poetisch, sondern auch aufschlussreich. Mein ältester und stattlichster Rosmarin steht an einer geschützten Ecke vor dem Gewächshaus. Er fühlt sich dort offensichtlich sehr wohl, denn er steht schon jetzt voller Blüten. Seinen unverwechselbaren Duft gibt er aber erst frei, wenn man seine Nadeln zwischen den Fingern reibt. Vieles lasse ich in meinem Garten noch in Ruhe, vor allem die Kräuter, bis ich mehr oder weniger sicher sein kann, dass die letzten Frostnächte vorüber sind. Die Erfahrung hat mir gezeigt, dass vieles, was jetzt saft- und kraftlos erscheint, nur scheintot ist. Bis in den Mai hinein lassen sich manche Stauden Zeit, sich zu neuem Leben zu entschließen. Kratzt man an den verholzten Stellen, kann man auf einen äußerst vitalen Kern stoßen.

Es rumort unter der Erde

Im Herbst halte ich mich gerne an die Regel, dass ein fauler Gärtner dann auch mal ein guter Gärtner ist. Die Aufräumarbeiten hebe ich mir zu einem großen Teil für das Frühjahr auf. So geben die Reste der vergangenen Saison Schutz für das, was wieder kommen will. Gerade in diesen Wochen bereitet es mir besonderes Vergnügen, zwischen den Relikten des einstigen Wachstums zu sehen, wie sich das erste Gedeihen regt. Während ich zusehe, dass die wenig sensible Arbeit des Gehölzschnitts beendet ist, bevor die Nistzeit der Vögel beginnt und mit großer Schere und Häcksler alles andere als sachter Arbeit nachgehe, werde ich mit aller Behutsamkeit den Sämlingen Platz schaffen. Hier kann ich mit groben Werkzeugen nichts anfangen, wenn ich auf der feuchten und modrigen Erde knie, um zu sehen, ob die reizende Küchenschelle (Pulsatilla) auch in diesem Jahr durch Selbstaussaat ihre Population vergrößern will. Es ist schon eigenartig: Beim genauen Hinsehen tut sich so vieles. Man könnte meinen, es rumort ganz dicht unter der Erde. Doch im Garten herrscht Stille. Nur die Vögel, die geradezu frech vor sich hin singen, sind laut zu vernehmen. Der Wind weht ohne Geräusch, da sind noch keine Blätter in den Baumkronen, die rauschen könnten. Und die Gräser wiegen sich fast tonlos. Die Kätzchen an den Zweigen sind viel zu samtig, um zu knistern und zu rascheln. Jedes Jahr die gleiche Faszination und ich kann nicht genug davon bekommen: Es ist, als hätten sich alle Gäste einer Überraschungsparty versteckt, um dann mit lautem „Hallo“ hervorzukommen. Während sich die Zaubernuss, die in Duft und Blüte auf einsamem Posten stand, nun zurückzieht, können es Primeln, Narzissen und Krokusse nicht erwarten und wollen schon die ersten Farbtupfer setzen. Nur riechen werden wir sie erst, wenn die Wärme der Sonne ihre Duftstoffe hervorkitzelt. Der Bärlauch hingegen hat, ohne sich zu zeigen, seine Ankunft mit seinem kräftigen Duft schon verraten. Es ist erstaunlich, wie glücklich Gartenarbeit macht und wie sehr sie die Sinne in Bewegung versetzt.

Die Autorin:
Odile Landragin (55) ist gebürtige Französin und besitzt einen 2000 Quadratmeter großen Duft- und Kräutergarten in der Hermann-Ehlers-Straße 12 in Mainz-Gonsenheim. Ihre Pflanzen züchtet sie auch für den Verkauf. Mehr Informa-tionen zu Programm und Öffnungszeiten finden Sie unter www.landragin.de