Gekommen um zu bleiben?
Mehr als 40 Jahre ist es her, dass die ersten Gastarbeiter nach Deutschland kamen. Nur für kurze Zeit, dachten sie und nur als Gast. Jetzt sind sie im Rentenalter und viele leben noch immer hier. Fatma Yilmaz, Diplompflegewirtin mit dem Schwerpunkt kultursensible Altenpflege, berichtet über ältere Migranten in Deutschland.
Ein altes türkisches Sprichwort, das in den 60er Jahren zum tröstenden Leitspruch der Arbeitsmigranten wurde, lautet: „Heimat ist nicht da, wo man geboren ist, sondern wo man satt wird“. Das Sprichwort machte das Heimweh, die Verluste und das Gefühl des Fremdseins erträglicher. Dass sie in Deutschland alt werden und hier bleiben würden, war nicht eingeplant, weder von ihnen selbst, noch von den Anwerbern.
Die meisten der heute älteren Migranten kamen zwischen 1950 und 1973 als Gastarbeiter nach Deutschland und planten zunächst nur einen vorübergehenden Aufenthalt. Sie wollten Geld verdienen, um ihre Situation im Heimatland aufzubessern und sich eine Existenz aufzubauen. Als 1973 der Anwerberstopp erlassen wurde, schoben viele ihre Rückkehr in die Heimatländer auf und holten ihre Familien nach. Mit dem Familiennachzug und dem Heranwachsen der Kinder erschwerte sich auch die Realisierung der gesteckten Ziele und neue Ziele kamen hinzu. Nun sollten die Kinder eine gute Schulausbildung bekommen und sie verschoben ihre Rückkehr in die Heimat erneut.
Die Seele pendelt mit
Noch heute, nach mehr als 40 Jahren, sehnen sich viele der älter gewordenen Arbeitsmigranten in ihre Heimat zurück. Doch nur für wenige geht dieser Wunsch in Erfüllung. Denn sie stellen im Alter fest, dass es viele Gründe gibt, die sie daran hindern, für immer zurückzukehren: Nach so langer Zeit haben sie sich in Deutschland verwurzelt und auch ihre Kinder und Enkelkinder haben hier ihren Lebensmittelpunkt gefunden. Zudem existiert die in Deutschland institutionalisierte Altenversorgung in den meisten Herkunftsländern nicht. Viele, die während ihres gesamten Erwerbslebens in Deutschland sozialversicherungspflichtig waren, hoffen zu Recht auf soziale Sicherheit und Versorgung im Alter. Dieser Versorgungsanspruch ginge ihnen verloren, hielten sie sich länger als sechs Monate außerhalb der Europäischen Union auf. Darum bleiben sie auch nach dem Ende ihres Arbeitslebens in der Bundesrepublik.
Die momentane Situation sieht für die meisten so aus, dass sie zwischen ihrem Heimatland und Deutschland als zweiter Heimat hin- und herreisen: Das Bild des Pendelns spiegelt auch die seelische Verfassung älterer Migranten sehr gut wieder: Sie pendeln emotional zwischen ihren beiden Heimatländern. Obwohl ihr Herz am Ursprungsland hängt, können sie es sich nicht wirklich vorstellen, Deutschland für immer zu verlassen. Bezeichnend für das emotionale Schwanken ist auch die einfache Wohnungseinrichtung älterer Migranten, die oft noch provisorisch ist. Das Wohnen im endlosen Übergang ist Zeichen einer unerfüllten Sehnsucht: Man wollte in Deutschland Geld verdienen, um später in der Heimat besser zu leben. Für viele hat sich das Provisorium nie aufgelöst. Sie sind noch immer in Deutschland, haben ihren Wunsch zurückzukehren aber nicht aufgegeben. Das Hin- und Herreisen scheint allerdings nur eine Lösung auf Zeit zu sein, denn mit zunehmendem Alter wird die Reisefähigkeit abnehmen und irgendwann vielleicht gar nicht mehr vorhanden sein.
Frauen haben kaum Einnahmen
Schon heute ist klar, dass die Frauen und Männer, die einst außerordentlich gesund nach Deutschland einreisten, gesundheitlich überdurchschnittlich schlecht dastehen im Vergleich zu Deutschen ihrer Altersgruppe. Viele haben Verschleißerkrankungen des Bewegungs- und Stützapparates sowie chronische Erkrankungen des Verdauungs-, Atmungs- und des Herz-Kreislauf-Systems, was auf die schweren Lebens- und Arbeitsbedingungen der Vergangenheit zurückzuführen ist. Migration allein macht nicht krank, aber es gibt Belastungsfaktoren, die Krankheiten entstehen lassen und deren Verlauf beeinflussen können.
Dass Migration auch auf die Seele schlagen kann, zeigt die hohe Zahl an psychischen Erkrankungen. Auch wenn die Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland sehr unterschiedlich sind hinsichtlich ihrer Kultur, ihrem Lebensstandard, ihren Wünsche und Erwartungen: Die gesundheitliche Situation ist – zumindest bei den Migranten der ersten Generation – durchweg als schlecht zu bezeichnen. Besonderheiten gibt es bei Wohn- und Einkommenssituationen älterer Migranten. Auch wenn sie öfter in Mehrgenerationen-Haushalten leben als Deutsche: Fast 80 Prozent sind doch in Kleinfamilien oder Einzelhaushalten untergebracht. Die Verhältnisse, in denen die meisten leben, sind zudem sehr einfach. Geringe Einkünfte schränken sie in ihren Wohnmöglichkeiten ein. Eine altersgerechte Einrichtung können sie zumeist nicht bezahlen.
Die Haupteinnahmequelle älterer Migranten sind die gesetzlichen Renten. Verglichen mit der einheimischen Bevölkerung beziehen sie geringere Renten, da sie zum Teil kürzere Erwerbsbiografien haben, einfache Tätigkeiten mit geringer Entlohnung ausgeübt haben und deshalb weniger Beiträge zahlen konnten. Nicht selten müssen Ehepartner mit einer Rente ihren Lebensunterhalt bestreiten, weil ein Partner keine eigenständigen Renteneinkünfte bezieht. Frauen haben durch Familiennachzug und Kindererziehung oft nur sehr geringe, manchmal auch gar keine Einnahmen. Um im Alter etwas uneingeschränkter in die ursprüngliche Heimat verreisen zu können, verzichten viele auf eine Grundsicherung oder ergänzende Leistungen. Manche allerdings pendeln gerade deshalb in ihre Heimat, weil sie dort Lebenshaltungskosten sparen und sie nur so mit ihren geringen Renten auskommen können. Ein Zeichen, dass viele ältere Migranten und mehr noch die Migrantinnen vom Armutsrisiko betroffen sind.
Wer übernimmt die Pflege?
Durch die häufig schlechte finanzielle und gesundheitliche Situation der Migranten stellt sich auch die Frage nach deren Pflege im Alter. Häufig wird davon ausgegangen, dass sie von ihrem Familienverbund versorgt werden. Und tatsächlich übernehmen die Kinder noch immer häufig die Pflege ihrer Eltern und Schwiegereltern, vorausgesetzt, es ist genügend Geld, Platz und Zeit vorhanden. Doch wahrscheinlich ist, dass sich diese Strukturen in naher Zukunft mehr und mehr auflösen werden. Durch Änderungen in den Familienstrukturen und jahrelange Trennungen von den Familienangehörigen, Freunden und Verwandten kann im Falle der Pflegebedürftigkeit nicht immer auf Familienangehörige zurückgegriffen werden. Auch bei Migranten ist die Betreuung und Pflege der hochaltrigen Eltern und Schwiegereltern vorwiegend Frauensache. Die zunehmende Berufstätigkeit der Frauen und damit zusammenhängend die Doppelbelastung durch Beruf und Pflege wird vermutlich zu einem Rückzug aus der Pflege führen. Bedingt durch diese Veränderungen ist fraglich, wie stark die Bereitschaft der Familie in Zukunft noch sein wird, die häusliche Pflege und die Bewältigung des Pflegerisikos zu tragen. Deshalb ist es notwendig, dass in Zukunft mehr institutionelle Hilfen eingefordert werden.
Ältere Migranten sind noch wenig in der institutionalisierten Altenversorgung vertreten. Über den geringen Anteil der in den Altenheimen lebenden Migranten liegen noch keine repräsentativen Daten vor. Die Gründe hierfür liegen sowohl in einem anderen Verständnis über den Prozess des Alterns als auch in der Unkenntnis über die Existenz verschiedener Angebote. Allerdings ist mit einer schnellen Zunahme des Hilfebedarfs zu rechnen, wenn sich Politik, Gesellschaft und Pflegeinstitutionen mit den Lebenslagen und insbesondere mit der gesundheitlichen Situation näher befassen.
Geschichte der Migration
Die große Migrationsphase beginnt während der 1950er Jahre. Damals bescherte das Wirtschaftswunder eine große Nachfrage an Arbeitskräften. Deshalb warb man Gastarbeiter aus dem Ausland an. Geplant war ein Rotationsprinzip: Die Gastarbeiter sollten zwei bis drei Jahre bleiben und dann in ihre Heimat zurückkehren. Ein Plan, der nicht durchgeführt wurde: Die Arbeitsgenehmigungen wurden verlängert, viele Gastarbeiter holten ihre Familien nach und blieben bis heute. Jetzt ist die erste Migrantengeneration im Rentenalter. Da die meisten auch im Ruhestand nicht in ihre Heimatländer zurückkehren, steigt die Zahl älterer Migranten stetig an: Waren es Ende 2000 noch 625.000 Über-60-Jährige, werden es 2010 laut Modellrechnungen bereits 1,3 Millionen sein.
