Gute alte Zeit?
Früher war alles – stopp – nein, früher war nicht alles besser, nur vieles anders. Wenn Sie so in den Dreißiger-, Vierzigerjahren - plus minus X - geboren sind, dann war der Start in die Kindheit in Kriegs- und Nachkriegszeiten auch für Sie bestimmt nicht so einfach. Zweifellos wurden wir geliebt, sicherlich auch nicht zu wenig, in Watte gepackt wurden wir nicht. Die Eltern waren unsere stabilisierende Sicherheit, kein Rundum-Sorglos-Paket.
Wir konnten uns nicht spontan mit unseren Freunden verabreden, denn sie hatten kein Telefon, wir auch nicht. Wir wurden nicht gebracht und geholt – womit auch? Wir trafen uns einfach so. Kamen wir durchnässt und verdreckt nach Hause, strahlte unsere Mutter uns nicht an, sondern verzog das Gesicht. Sie kannte das TV-Vorbild aus der Waschpulverwerbung nicht – woher auch? Wir holten uns blutige Knie auf geschotterten Schulhöfen und blaue Schienbeine im handfesten Streit. Das führte nicht zu emotionalen Elterngesprächen. Wir rutschten auf Nachbars Treppe aus und niemand wurde dafür verklagt. Die Erwachsenen – der Lehrer, der Schupo, der Nachbar – sie alle hatten ohnehin erst mal Recht. Wurden wir schlecht behandelt oder ausgelacht, tröstete uns die Mutter, aber sie schleppte uns nicht zum Kinderpsychologen.
Auch mit der Fünf in Mathe mussten wir klarkommen und den Rüffel einstecken, denn niemand fragte teilnahmsvoll „wie wir damit umgehen“. „Karlsbader Salz“ schmeckte scheußlich, war aber gut gegen Halsweh. Das interessierte weder den Arzt noch den Apotheker. Wir mussten das anziehen, was da war – geändert, geerbt, selbstgenäht, manchmal kratzig. Wichtig waren eine ordentliche Frisur, geputzte Schuhe und „sei nicht vorlaut, iss Deinen Teller leer, grüß’ höflich die Nachbarn.“ Es gab keine Kindersturzhelme, keine Stützräder und keine Schwimmflügel; trotzdem lernten wir Rad fahren und schwimmen.
Wir tranken Wasser aus dem Wasserhahn und gelegentlich aus Bächen und wir aßen Lebensmittel ohne aufgedrucktes Haltbarkeitsdatum. Meine Mutter entfernte die Schimmelstellen vom Gelee und schmiss nicht das ganze Glas weg und sie schnitt sparsam die faulen Stellen aus dem Apfel und gab uns den Rest. Schenkte uns jemand Süßigkeiten, stopften wir sie in uns hinein. War einer von uns zu dick? Ich glaube nicht. Und wer zu mager war, war es nicht freiwillig. Wir trauten uns manches nicht zu fragen und bekamen doch alles heraus, was wir wissen wollten. Wir testeten unsere Grenzen aus, ohne dass jedes Problemchen zum Konflikt erhoben und ausdiskutiert wurde. Das meiste verwuchs sich.
Hat uns das alles stärker und belastbarer gemacht? Irgendwie schon. Ich hab’ es jedenfalls überlebt und Sie, die Sie das hier lesen und zu meiner Generation gehören, auch. Gratuliere!
Helga F. Weisse (73), ist freie Autorin, scharfsinnige Alltagsbeobachterin und Kolumnistin bei rostfrei.
