Hinter dem Schleier
Eine muslimische Prinzessin verlässt aus Liebe ihre Heimat Sansibar, um im fremden Deutschland ein neues Leben zu beginnen. Bis zu ihrem Tod trägt Emily Ruete die Sehnsucht nach Sansibar in ihrem Herzen. rostfrei-Autorin Helga F. Weisse über das Leben einer zerrissenen Prinzessin.
Tscherkessinnen sind berühmt und begehrt wegen ihrer Schönheit. Das ist ihr Vorzug. Es ist auch ihre Tragik, denn sie versprechen guten Profit auf dem Sklavenmarkt. Marodierende Horden ziehen durch den Kaukasus und den vorderen Orient; Menschenhandel ist ihr Geschäft. Sie verschonen auch Kinder nicht auf ihren Raubzügen. Ein tscherkessisches Bauernmädchen, verzweifelt und verstört, findet sich so wieder in einer Sklavenkarawane auf dem Weg nach Ostafrika. Es überlebt den Transport über den indischen Ozean auf einem überladenen Sklavenschiff; es stirbt auch nicht an Durst und Erschöpfung auf einem der Umschlagplätze. Endstation der mörderischen Reise ist der Sklavenmarkt auf Sansibar. Hier entscheidet sich sein Schicksal. Nicht ein Plantagenverwalter kauft das Kind für die Sklavenarbeit auf der Pflanzung, sondern ein Beauftragter des Sultans. Da mag es sieben oder acht Jahre alt gewesen sein. Man schreibt etwa das Jahr 1830. Im Sultanspalast wird das Mädchen mit den anderen im Harem lebenden Kindern erzogen und unterrichtet, wächst heran zur jungen Frau. Mit ihrem sanften, liebevollen Wesen erringt sie Zuneigung und Wohlwollen des Sultans und als eine seiner zahlreichen Nebenfrauen auch deren Rechte. Sie hat ihr Glück gemacht. Ist sie auch glücklich? Sie hätte diese Frage wohl gar nicht verstanden. 1844 bringt sie eine Tochter zur Welt. Von ihr soll hier die Rede sein.
Ihr Name ist Emily Ruete, geb. Sayyida (Prinzessin) Salme von Oman und Sansibar und ihr Leben war von Kontrasten geprägt, wie sie stärker kaum vorstellbar sind. Im ältesten Palast der Insel Sansibar wird sie als eines der jüngeren von 36 noch lebenden Kindern ihres Vaters, Sejjid Said Imam von Muskat und Sultan von Sansibar geboren. Salme liebt ihre Mutter und verehrt ihren Vater wegen seiner Güte und seines Gerechtigkeitssinnes. Von Geburt an ist sie ein glückliches Kind.
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Einen exotischen, märchenhaften Bilderbogen in tausend Farben blättert Sayyida Salme in ihren Memoiren „Leben im Sultanspalast“ vor dem Leser auf. In einer Zeit, in der über die Ostküste Afrikas wenig und über das Leben in einem Harem fast nichts bekannt ist, schildert sie mit Freude am Detail ihre Kindheit in einem Palast mit unzähligen Zimmern, mit Badehäusern, Ruheräumen zwischen Säulengängen, Stallungen und vielen Nebengebäuden. Der mächtige Hofraum mit Orangenbäumen ist bevölkert nicht nur von den etwa tausend Bewohnern – Frauen, Kindern, Sklavinnen, Eunuchen – sondern auch von Gazellen, Pfauen, Straußen, Perlhühnern und Flamingos. Allen Sultanskindern, von Geburt an im Range von Prinz oder Prinzessin, werden vom Obereunuchen eigene Sklaven zugewiesen. Salme wird mit ihren Geschwistern zusammen unterrichtet; als ihr der Koran als Lesefibel nicht mehr genügt, vervollkommnet sie heimlich ihre Fertigkeiten im Lesen und Schreiben. Als Tafel dient ihr ein ausgebleichtes Kamelschulterblatt. Die Unterweisung im Reiten gehört ebenso zur Erziehung wie die Unterweisung im Schießen mit Gewehr und Pistole und im Fechten mit Säbel, Dolch und Lanze. Vom Vater wird allen Kindern ein Reitpferd mit Geschirr zum Geschenk gemacht, den Mädchen ein reinweißer Muskatesel, kostbarer noch als ein edles Pferd.
In jedem seiner zahlreichen Paläste auf Sansibar und im Oman besitzt der Sultan reich gefüllte Schatzkammern, aus denen er die Seinen beschenkt, die Horne (Hauptfrau), die Sarari (Nebenfrauen), Prinzen und Prinzessinnen bereits bei ihrer Geburt. Kostbarer Schmuck gehört in den Palästen so selbstverständlich zur Toilette wie zur gleichen Zeit in Europa Hut und Handschuhe. Jedem Lebensbereich im Harem widmet Salme ein besonderes Kapitel. Der Alltag, geprägt von Muße und Verwöhnung und den Regeln des Umgangs miteinander, streng unterteilt von Gebetszeiten, die Feste, die Mahlzeiten, die Kleidung „… das unausstehliche, gesundheitsschädliche Schnüren der Europäer kennen die Orientalen zum Heil ihrer edlen Organe nicht“. Eine überwältigende Fülle von Informationen aus einer unbekannten Welt, wie sie vor 150 Jahren existierte.
Reiches Sansibar
Sansibar verdankte seinen Reichtum der Ausfuhr heimischer Produkte, vor allem Gewürznelken, nach England, Frankreich, Persien, Ostindien und China. Die Kapitäne der großen Segelschiffe der Sultansflotte hatten beim Wareneintausch weitreichende Vollmachten und nur die allgemeine Order: Bringt von allen Waren die Besten nach Sansibar – Seidenstoffe aus China, Silber- und Goldfäden aus Indien, Riechöle und Essenzen aus dem Orient und Musikinstrumente und Spielwaren aus Europa. Weitere wichtige Einnahmequellen des Sultanats waren der Elfenbeinhandel und der Handel mit Sklaven, die vom ostafrikanischen Festland zur Insel exportiert wurden. Es war David Livingstone, der die Ansicht vertrat, dass die Leiden der Sklaven mit ihrer Ankunft im reichen Sansibar ein Ende hatten – zumindest was die materielle Not betraf. Die gleiche Einschätzung führte wohl auch zu Salmes späterer provokanter Äußerung, dass es einem Sklaven auf Sansibar besser ergehe als einem europäischen Arbeiter in der Mitte des 19. Jahrhunderts, wenn er durch Schwerarbeit unter Tage oder im Steinbruch sein Brot verdienen müsse.
Salme schreibt mit Wärme und Zuneigung von ihren zahlreichen Halbschwestern und Halbbrüdern und von den Stiefmüttern, mit denen sie unter einem Dach lebt, bis sie mit ihrer Mutter und zwei schon mündigen Sultansöhnen in einen Stadtpalast übersiedelt. Der Tod des Vaters zieht Machtkämpfe und Palastintrigen nach sich, in die auch Salme in den kommenden Jahren verwickelt werden wird. Zunächst verliert sie, erst fünfzehnjährig, die geliebte Mutter. Sie tritt ihr väterliches Erbe an, eine Pflanzung und ein ansehnliches Geldvermögen in englischen Pfund. Fortan lebt sie – innerhalb der Grenzen der islamischen Sitten – selbstbestimmt, wählt ihren Wohnsitz in der Stadt oder auf einem ihrer Landgüter. Sie lernt neben den gebräuchlichen Sprachen Arabisch und Suaheli auch Englisch; sie beschäftigt sich mit ihren Tieren, führt ihre Geschäfte. Dass sie mit zwanzig noch nicht verheiratet ist, widerspricht arabischem Brauch, war doch in drei Fällen Eile geboten: bei einer Jungfrau, einem Gast und einem Toten! Salme liebt ihre Unabhängigkeit, sie führt ein gastliches Haus, ist wissbegierig und gebildeter als andere Frauen der gleichen privilegierten Herkunft. Darüber hinaus besitzt sie ein ausgeprägtes soziales Bewusstsein und ein mitfühlendes Herz: sie besucht Alte und Kranke; die Kinder der Sklaven lädt sie täglich zum Spielen, Baden und Essen auf ihre Plantage ein und unterweist sie. „Mildtätigkeit nach Gutsherrenart“ – so urteilte man sicherlich heute darüber. In Ihrer Zeit jedoch war es das ungewöhnliche Verhalten einer beherzten und großzügigen jungen Frau.
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Wie wäre das Leben von Sayyida Salme auf Sansibar wohl verlaufen, hätte sie sich nicht verliebt. Verliebt in einen Fremden aus dem Norden, in einen Menschen anderer Herkunft, anderen Glaubens, aus einem Kulturkreis wie er fremdartiger für sie nicht sein konnte. Der deutsche Kaufmann Heinrich Rudolph Ruete hält sich, nicht zum ersten Mal, im Auftrag eines Hamburger Handelshauses in Geschäften auf Sansibar auf. Gegen alle Konventionen lernen sich Salme und H.R. Ruete als Nachbarn ihrer Stadthäuser kennen, treffen sich in aller Heimlichkeit auch auf dem Lande, wollen zu ihrer Liebe stehen. Als der Sultan erfährt, dass seine Halbschwester, die Tochter des großen Said, das Kind eines ungläubigen Ausländers erwartet, ist ihr Leben in Gefahr. Sie wird zu einer Pilgerfahrt nach Mekka aufgefordert – eine Unternehmung, von der Frauen in ähnlichen Situationen nie zurückkehrten. Salme zögert nicht. Die Pilgerfahrt vortäuschend verkauft sie ihren Besitz. Im Schutze eines islamischen Festes verlässt sie an Bord des englischen Kriegsschiffes Highflyer bei Nacht und Nebel ihre Heimat in Richtung Aden. Dort erwartet sie im Hause einer mit dem englischen Konsul auf Sansibar befreundeten Familie ihren nachkommenden Geliebten. Sie wird im christlichen Glauben unterrichtet und am Tage ihrer Hochzeit getauft. Als Emily Ruete reist sie 1867 mit ihrem Mann über Kairo und Marseille nach Hamburg.
Welch dramatische Wende diese Begebenheiten im Leben von Salme bedeuten, ist unschwer nachzuvollziehen. Sie ist und bleibt ihrem Ehemann in Liebe zugetan. Aber später einmal wird sie sagen: „Ich verließ meine Heimat als vollkommene Araberin und als gute Mohammedanerin und was bin ich heute – eine schlechte Christin und etwas mehr als eine halbe Deutsche.“
„Entsetzliche Hühnerfedern, unreinliches Baden“
Besonders lesenswert und gelegentlich unfreiwillig komisch sind die Kapitel in Emilys Memoiren und ihren Briefen nach der Heimat, in denen sie ihre ersten Eindrücke in Deutschland schildert: „Denn was die tollste Phantasie eines Menschen ersinnen und erfinden kann, tritt Dir alles hier auf einmal und ganz unvermittelt entgegen.“ Es dauert eine Zeit lang, bis sie die „so vielen weißen und blondhaarigen Menschen mit ihren unaussprechlichen Namen“ voneinander unterscheiden kann. Emily, die es gewohnt war, die benötigten Mittel einfach ungezählt ihrer Kassette zu entnehmen, staunt: „Das Soll und Haben jedes einzelnen Menschen spielt hier eine wichtige Rolle, man hat über alles eine Rechenschaft abzulegen. Selbst die Minister haben für jeden Pfennig, den sie für die Erhaltung des Gesamtwohls ausgeben, sich zu verantworten.“ Beim Einzug in ihr Haus an der Alster wundert sie sich: „Die kleinen und niedrigen Stuben werden künstlich noch enger gemacht, indem man unnütze Möbel inmitten und in allen Ecken des Zimmers aufstellt.“ Mit den mächtigen Federbetten, gefüllt „mit entsetzlichen Hühnerfedern“ kann sie sich ebenso wenig anfreunden wie mit dem „unreinlichen Baden in einem nicht abfließenden Wasser“ in der Badewanne. Zu ihrer Verwunderung beschäftigen selbst wohlhabende Hamburger Familien in der Regel nur eine einzige Köchin. Und „das was man hier Kaffee nennt, hat diesen Namen in Wahrheit nicht verdient.“ Emily registriert aber durchaus auch die positiven Seiten der ungewohnten Lebensweise; sie schätzt Arbeitseifer und Erfindungsgeist, Verantwortungsgefühl und Ordnungsliebe der Deutschen. Ein Absatz im Kapitel Der deutsch-französische Krieg von 1870/71 ist noch 130 Jahre später von erschreckender Aktualität: „Leute, welche nur durch Bücher und Erzählungen die friedfertige und Nächstenliebe predigende Lehre Jesu kennen gelernt haben, muss es gewiss ganz unfasslich erscheinen, wie deren Bekenner sich gegenseitig zu überbieten suchen, wer von ihnen die tödlichste und das Leben en gros vernichtende Waffe erfinden kann.“
Nur wenige Jahre Familienglück zusammen mit ihrem Mann sind Emily Ruete vergönnt. Er hatte sie Bibi, roho jangu (Bibi, meine Seele, mein Leben) genannt. Sie verlor ihn bei einem tragischen Pferdebahnunglück in der Hamburger Innenstadt. Mit drei Kindern, das jüngste noch kein Jahr alt, bleibt sie alleine zurück. Sie fühlt sich ohne Lebensperspektive; Einschränkungen werden notwendig, wenngleich sie sich eigentlicher Armut nicht ausgesetzt sieht. Schließlich verlässt sie Hamburg und wechselt in den nächsten zehn Jahren fünf Mal ihren Wohnsitz. Immer gab es ein rationales Motiv für den Umzug – Schule und Ausbildung der Kinder, gesundheitliche Rücksichten, finanzielle Notwendigkeiten – aber in Wahrheit war jeder Wechsel wohl auch Flucht.
Ein tragischer Unfall ändert alles
Im Andenken an ihren Mann erfüllt sie gewissenhaft den Anspruch, den Sohn Said und die Töchter Antonie und Rosalie in Deutschland aufwachsen und erziehen zu lassen. Nichts sehnlicher wünscht sie aber, als dass sich die Tür zu ihrer Heimat für sie und ihre Kinder öffnen möge, dass sie von ihrer Familie und vom Sultan in Freundschaft und Versöhnung empfangen werde. Zudem ist sie der Überzeugung, dass ihr nach dem Tod von gleichberechtigten Brüdern und Schwestern weitere Erbteile aus dem Besitz ihres Vaters zustehen. Sie bittet die kaiserliche Regierung in Berlin um Unterstützung. Deutsche Freunde schalten sich ein, Botschaften sind mit dem Problem befasst. Sogar Bismarck korrespondiert und verhandelt in ihrer Angelegenheit. Dabei laviert Emily in ihren Argumenten zwischen vermeintlichen Erbansprüchen und emotionalen Appellen sowohl an die Diplomatie einflussreicher Kreise in Deutschland als auch an die Großzügigkeit des amtierenden Sultans Bargash auf Sansibar. Sie ist unbequem und hartnäckig, aber ihre Bemühungen müssen letztendlich scheitern. Zwar wird sie Sansibar noch zwei Mal besuchen, 1885 und 1888, aber der Sultan, ihr Halbbruder, empfängt sie nicht. Die übrige Familie begegnet der heimgekehrten Verwandten mit Herzlichkeit, der Christin aber mit Distanz. Nie wieder wird sie das Innere eines Harems betreten. – Zu dieser Zeit ist sie längst zwischen die Fronten der deutsch-englischen Kolonialpolitik geraten, wird zum Objekt diplomatischer Schachzüge. Als 1890 der Helgoland/Sansibar-Vertrag zwischen Deutschland und England unter Dach und Fach ist, wird sich offiziell niemand mehr für sie einsetzen – sie ist für die Beteiligten unwichtig geworden.
Prinzessin und Zerrissene
Ihr Schicksal wurde in deutschen Zeitschriften immer wieder einmal öffentlich gemacht, aber der Gartenlaube-Stil, in dem über sie berichtet wurde, konnte ihr nicht gerecht werden. Sie war eben nicht nur die tapfere Frau und die stolze Prinzessin aus einem Märchenland. Sie war auch eine Zerrissene zwischen dem Land ihrer Kinder und dem Land ihrer Väter, deren Absicht klug zu taktieren ihr oftmals zum Nachteil geriet. Ihre Lebensleistung ist unbestritten, zu bewundern ihr Mut, ungewöhnliche Wege zu gehen und bewahrenswert ihre scharfen Beobachtungen und Aufzeichnungen über eine Welt, die uns sonst verschlossen geblieben wäre. Im heutigen Sansibar, das Teil der Republik Tansania ist, wird sie geehrt als „pioneering woman“, die einen Einblick in die eigene faszinierende und grausame, glanzvolle und dunkle Vergangenheit der kleinen Insel im Indischen Ozean gewährt.
Emiliy Ruete, geb. Sayyida Salme bint Said starb 1924 in Anwesenheit ihrer drei Kinder im Hause ihrer jüngsten Tochter Rosalie in Jena. Ihre Urne ist in der Rueteschen Familiengruft auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg beigesetzt. Wer ihr Grab besucht, findet auf dem Stein die Inschrift aus einem Fontane-Gedicht eingemeißelt: „Der ist in tiefster Seele treu, wer die Heimat liebt wie Du.“
Literatur
Leben im Sultanspalast
Hrsg. Annegret Nippa
Europäische Verlagsanstalt, 2007, 300 Seiten,
24,80 Euro
Emily Ruete, Heinz Schneppen
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Philo, Berlin 1999
Text: Helga F. Weisse
