Jene Begegnung damals
Das Schicksal des Wiesbadener Juden Benjamin Kahn blieb lange unaufgeklärt. Jetzt hat der in Theresienstadt umgekommene seine letzte Ruhe gefunden – mit Hilfe von rostfrei-Autorin Helga F. Weisse, die den Weinhändler schon als Kind kannte.
Es muss eine bedrückende Szene gewesen sein: Meine Mutter erzählte mir davon, denn ich war zwar schon sieben, kann mich aber nicht daran erinnern. Sie ging mit mir an der Hand auf der Alleeseite der Wiesbadener Rheinstraße, als sie einen guten Bekannten entdeckte, einen älteren Herrn, der uns entgegenkam. Einem ersten Impuls folgend, ging sie freudig auf ihn zu um ihn zu begrüßen. Doch was tat er? Mit von Panik erfüllter Stimme stieß er, ohne seine Schritte anzuhalten, im Vorübergehen hervor: „Geh’ weiter Kind, geh’ weiter“ und beschwörend fuhr er fort: „Wir kennen uns nicht, hörst du?“ Dieser Mann war, so erfuhr ich im späteren Bericht meiner Mutter, der Wiesbadener Weinhändler Benjamin Kahn und er trug einen Judenstern; es war das Jahr 1942. Und meine Mutter? Sie ging weiter, etwas erschrocken vielleicht. Aber sie ging weiter, denn sie wusste, Deutsche sollen nicht mit deutschen Juden sprechen und Juden nicht mit Deutschen.
Der alte Herr war der Witwer der Pianistin und Klavierlehrerin Emilie Kahn geb. Blum, die 1934 verstorben und meiner Mutter mehr als eine mütterliche Freundin gewesen war. Frau Kahn war nicht irgendeine Klavierlehrerin. Sie war gegen Ende des 19. Jahrhunderts Schülerin von Clara Schumann am Hoch’schen Konservatorium in Frankfurt am Main gewesen und das war natürlich für die, die sie kannten, etwas Besonderes. Genauso wie die Tatsache, dass Frau Kahn nur wenigen begabten Kindern und Jugendlichen Unterricht erteilte – und zu diesen gehörte eben meine Mutter. Frau Kahn brachte ihr die Welt der Musik nahe, nahm sie mit zu Konzerten und in die Oper, erschloss ihr, die aus einfachen Verhältnissen kam, viele Bereiche von Kultur und Kunst – für meine Mutter eine Fülle von Erfahrungen und Erinnerungen, die ihr ganzes Leben bereicherten. Noch als junge Frau besuchte sie regelmäßig die ältere Freundin zum Vierhändig-Spielen.
Deutsche durften nicht mit Juden sprechen
Siebzig Jahre später steht meine Mutter, 97-jährig, mit mir am Grab von Emilie Kahn auf dem Jüdischen Friedhof an der Platter Straße. Ich habe nach langem Suchen den verwitterten Stein auf dem Urnengrab, von dem meine Mutter immer wieder sprach, endlich gefunden. Es lag ihr so viel daran. Der Name von Benjamin Kahn steht nicht neben dem seiner Frau; der Platz ist leer geblieben. Meine Mutter hatte ihn besuchen wollen abends in der Dunkelheit, damals nach jener Begegnung. Aber er wohnte nicht mehr an der bekannten Adresse. Niemand wusste, wo er geblieben war. Die Nachbarn hatten nichts gesehen. Verwandte gab es nicht. Und es gab auch niemanden, der nach dem Krieg auf dem Grabstein eine Gedenkinschrift hätte anbringen können: „Umgekommen in Auschwitz, in Theresienstadt, in Buchenwald“ – so wie es auf anderen Grabsteinen auf dem Jüdischen Friedhof in Wiesbaden zu lesen ist.
Meine Mutter starb 2004 mit fast 100 Jahren. Ihre Erinnerungen blieben bis zu ihrem Tode lebendig. Sie hat mit ihren drei Kindern die schweren Zeiten überstanden und gemeistert – die Nächte im Luftschutzkeller, die Ausbombung im Wiesbadener Rheingau-Viertel, die Evakuierung nach Thüringen, die Flucht aus der russischen Besatzungszone zurück nach Hause, die Angst um den Mann in Krieg und Gefangenschaft und die Hungerjahre der Nachkriegszeit. Bewegt aber haben sie bis ins hohe Alter das Schicksal des Ehepaares Kahn und ihre Selbstzweifel.
„Warum habe ich mich nicht empört?“
„Weißt Du, was ich nicht verstehen kann?“, hatte sie mich auf der Rückfahrt vom Friedhof gefragt. „Ich durfte damals nicht mit Herrn Kahn sprechen, zu seinem eigenen Schutz und zu unserem. Das hat mir sehr Leid getan, aber es war eben so. Und ich konnte mich bei den Behörden nicht mal nach ihm erkundigen, als er plötzlich nicht mehr da war. Ich habe das alles so hingenommen. Was war los mit mir, warum habe ich mich nicht empört?“ Schwer zu beantworten. „Zu viele haben sich nicht empört“, sagte ich. „Dich beschäftigt das immer noch, aber die meisten haben das Thema einfach abgehakt.“
Auch ich denke manchmal noch an Herrn Kahn, beim Betrachten der Fotos zum Beispiel in Thomas Weichels Band „Wiesbaden im Bombenkrieg“. Gehörte er vielleicht zu der Gruppe Wiesbadener Juden auf Seite 17, die sich im Innenhof der Synagoge registrieren lassen mussten? Oder ist er der schmächtige alte Herr auf Seite 18, fotografiert beim Abtransport? Wer weiß.
Diese nachdenkliche Geschichte über ein tragisches Geschehen hat ein Jahr, nachdem ich sie niederschrieb, schließlich noch ein tröstliches Ende gefunden. Aufmerksam geworden durch einen Artikel im Wiesbadener Kurier, der meinen Text aufgriff mit der Überschrift „Wo blieb Benjamin Kahn?“, wandte sich Peter Sinsig aus meiner Nachbargemeinde an mich. Das Schicksal des Verschollenen bewegte und berührte ihn so sehr, dass er dessen Verbleib zusammen mit Silke Reiser im Jüdischen Aktiven Museum Wiesbaden recherchierte. Die traurigen Befürchtungen bewahrheiteten sich: Benjamin Kahn zählte zu den jüdischen Opfern des Nationalsozialismus. 76-jährig wurde der Wiesbadener Weinhändler 1942 nach Theresienstadt deportiert und starb dort kurz nach seiner Ankunft an Entkräftung.
„Ein Mensch darf nicht spurlos verschwinden“
Wir hatten Fragen gestellt, recherchiert und aufgeklärt, aber das genügte uns nicht. Ein sichtbares Zeichen sollte an Benjamin Kahn erinnern, denn – so Peter Sinsig „Ein Mensch darf nicht spurlos verschwinden“. So legten wir zu dritt zusammen und stifteten eine Grabplatte mit Namen, Geburts- und Sterbedaten von Benjamin Kahn, die auf dem Grab seiner 1934 verstorbenen Frau Emilie Kahn, gleichsam als symbolische Zusammenführung der Eheleute, ihren Platz fand.
Von Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde Wiesbaden, die auf diese Privatinitiative aufmerksam geworden waren, wurde im April 2006 die Gedenktafel in einer Feierstunde auf dem jüdischen Friedhof ihrer Bestimmung übergeben – dem Erinnern. „Trauern braucht Namen“, sagte Jakob Gutmark, der Vorstand der Jüdischen Gemeinde. Deshalb ist es die große Aufgabe der Überlebenden, die Seelen der im dritten Reich Ermordeten zu sammeln, sie „einzubinden in die Fülle des Lebens“, wie es die hebräische Inschrift auf der Gedenktafel für Benjamin Kahn aussagt. Eine neue und ergreifende Erfahrung war für mich die Zeremonie, in der Rabbiner Avraham Nußbaum im Beisein von zehn männlichen Mitgliedern der jüdischen Gemeinde für jeden Konsonanten im Namen des Geehrten einen Psalm sang und in einem abschließenden Trauergebet um Ruhe für die Seele im Garten Eden bat.
Manchmal nehme ich mir Zeit für einen Besuch auf dem Jüdischen Friedhof in Wiesbaden. Es ist ein Ort der Ruhe und Besinnung mit den schönsten alten Bäumen, die man sich vorstellen kann. Ich setze mich dort auf eine Bank, denke an meine Mutter, der es viel bedeutet hätte, das Ende der Geschichte über das Schicksal von Benjamin Kahn noch erleben zu dürfen. Meistens habe ich einen schön geformten Stein in der Tasche, den ich dann auf der Grabstätte der Familie Kahn niederlege, so wie es im Judentum Brauch ist.
Gegen das Vergessen
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Das Aktive Museum für deutsch-jüdische Geschichte e.V. und das Stadtarchiv Wiesbaden versuchen auf verschiedenste Weise an authentischen Orten Geschichte zu dokumentieren um den jüdischen Menschen zu gedenken, die von Wiesbaden aus verschleppt und ermordet wurden. Nach der Spurensuche, die wir angestoßen hatten und nach der Aufklärung seines Schicksals konnte das Andenken an Benjamin Kahn in die Projekte einbezogen werden. So wurde ein Gedenkblatt für ihn erarbeitet und im Frühjahr dieses Jahres öffentlich präsentiert in der Wechselausstellung am Wiesbadener Michelsberg, dem Ort an dem früher die Synagoge stand.
Jeweils in die Bürgersteige eingelassene „Stolpersteine“ mit den eingeritzten Namen und Daten der deportierten und ermordeten ehemaligen jüdischen Mitbürger sind eine weitere Initiative, für die sich in diesem Fall wiederum Peter Sinsig engagierte und die Kosten übernahm. Die Idee zu diesen Gedenksteinen hatte der Künstler Gunter Demnig, der inzwischen mehr als 11.000 Steine in Deutschland, Österreich und Ungarn verlegt hat.
Die Autorin: Swing Vote rip Nightstalker movies Swamp Devil dvd
Helga F. Weisse ist Autorin und Kolumnistin
