Krankheit als Chance

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Schwere Krankheiten verändern das Leben vieler Menschen – manchmal auch zum Positiven. Maria Mank erkrankte Anfang der 1990er Jahre an Brustkrebs – und besiegte ihn. In rostfrei berichtet sie über ihr neues, glücklicheres Leben nach dem Krebs.

Es war Anfang der 1990er Jahre, als ich unter der Dusche einen Knoten in meiner Brust ertastete. Der Krebs war nicht der erste harte Schicksalsschlag in meinem Leben, aber doch derjenige, der mein Leben am meisten veränderte.
Geboren wurde ich 1939 – gleich danach brach der Krieg aus. 1954 begann ich eine Lehre als Verkäuferin und lernte kurz nach Abschluss meinen ersten Mann kennen, den ich vier Jahre später heiratete. 1963 wurde mein Sohn geboren. Er war mein Sorgenkind, denn kurz nach der Geburt wurde er wegen Magenproblemen in eine Kinderklinik verlegt. Ich war glücklich, als ich ihn endlich nach vier Monaten in den Arm nehmen konnte.
Krankheiten zogen sich wie ein roter Faden durch das Leben meines Sohnes – das Pech mit Männern bestimmte lange Zeit mein Schicksal. 1976 wurde ich geschieden, weil mein Mann eine Jüngere hatte. Er trennte sich aber nicht nur von mir, sondern distanzierte sich auch von seinem Sohn. Ein schwerer Schlag für den Jungen – er wurde wieder krank. Mittlerweile 39, wagte ich es, einen neuen Beruf zu erlernen und wurde Arzthelferin. Dann lernte ich meinen zweiten Mann kennen und heiratete kurze Zeit später wieder. Leider merkte ich zu spät, dass er Alkoholiker war. Aber meine Erziehung ließ eine zweite Scheidung nicht zu.

„Das bisschen Krebs“
Mein Sohn wuchs zu einem fleißigen jungen Mann heran, der mir viel Freude machte. Doch 1988, er war 25 Jahre alt, spann sich sein roter Faden weiter: Nach vielen Untersuchungen stellte man bei ihm Morbus Hodgkin (bösartiger Tumor des Lymphsystems) fest. Für mich brach eine Welt zusammen. Er aber kämpfte tapfer. Die emotionalen Belastungen der letzten Jahre hinterließen auch bei mir ihre Spuren und griffen meinen Körper an. Während man bei meinem Sohn die Chemotherapie begann, stellte man bei mir Unterleibskrebs fest und ich musste ins Krankenhaus. Ich blieb zirka fünf Wochen in der Klinik und konnte ihm nicht helfen. Seine Frau kümmerte sich sehr liebevoll um ihn. Nach meiner Entlassung kam er zur Bestrahlung stationär in die Klinik. Dort blieb er einige Monate. Mein zweiter Mann war sehr unsensibel und schimpfte immer nur auf ihn mit den gleichen Worten: “Wegen dem bisschen Krebs ziehen die so eine Schau ab.” Auch mich hatte er in der Klinik beschimpft: “Jetzt hat die schon mal Krebs und verreckt nicht mal dran.” Die Ärzte erteilten ihm daraufhin Besuchsverbot.

Operation und Bestrahlung What Love Is film

Nachdem es uns besser ging, reichte ich die Scheidung ein. Langsam kehrte wieder Ruhe ein. Ich fand Arbeit und war dankbar, dass sich alles zum Guten gewendet hatte. Diese Ruhe währte vier Jahre, dann kam der Tag, an dem ich  den Knoten in meiner Brust entdeckte – die Angst war wieder da.
Da ich in einer Arztpraxis arbeitete, zeigte ich meine beängstigende Entdeckung zunächst meiner Chefin. Sie beruhigte mich, und ich glaubte ihr nur zu gern. Auch Besuche beim Frauenarzt und beim Radiologen brachten kein anderes Ergebnis. Der Knoten war da, aber es hieß immer, er sei gutartig. So verging ein Jahr. Meine Chefin schickte mich schließlich zu einem Unfallchirurgen, der sollte mal eben schnell alles rausschneiden, damit ich am nächsten Tag wieder arbeiten konnte. Zu meinem Glück weigerte dieser sich jedoch ganz entschieden und überwies mich zu einem plastischen Chirurgen. Er war der erste, der mich ernst nahm und mich sofort einweisen wollte, aber meine Chefin lehnte ab. So musste ich noch eine Woche arbeiten. Ein Freund brachte mich ins Krankenhaus und unterstützte mich. Ich hatte nur noch Angst. Dann kam die OP und es war tatsächlich Krebs – ein Lymphknoten war befallen.
Nach der Entlassung schenkten mir meine Freunde eine Reise nach Nizza, die ich mir schon immer gewünscht hatte. Ich genoss die schöne Zeit, denn danach fing die Bestrahlung wieder an. Bis dahin hatten sich meine Kolleginnen und meine Chefin nicht bei mir gemeldet. Eine Kollegin machte mir den Vorwurf, ich hätte in der Praxis durch meine Krankheit alle in Schwierigkeiten gebracht. Ich war noch in der Bestrahlung, als dann die Kündigung bei mir eintraf. Es hieß wörtlich, auf Grund der Erkrankung sei es der Praxis nicht zuzumuten, mich weiter zu beschäftigen. Das hat mich sehr getroffen. Mein Sohn und meine Freunde standen mir zur Seite, als ich dadurch in finanzielle Schwierigkeiten geriet.

Das „Später“ zum „Jetzt“ machen The Town That Dreaded Sundown hd
Das alles waren Ereignisse, über deren Härte und Schonungslosigkeit ich hätte zusammenbrechen können. Doch in mir regte sich ein nie geahnter Lebenswille, der mich dazu brachte, mein Leben neu zu gestalten, jede Minute zu genießen und keine Wünsche und Träume mehr auf später zu verschieben. Denn jetzt wusste ich, dass es vielleicht kein später mehr geben wird.
Ein wichtiger Teil meines neuen Lebens ist das Reisen. Amerika war meine erste Traum-Station – für die ich aber leider kein Geld hatte. Von einer Pflegerin, die in Arizona arbeitete, hörte ich, dass sie Urlaub in Deutschland machen wollte und einen Ersatz suchte. Ich nahm Kontakt zu ihr auf, und es dauerte nicht lange, da machte ich mich auf den Weg in die Rentnerstadt Sun City West in Arizona. Ich blieb drei Wochen. In dieser Zeit kümmerte ich mich um meinen Patienten, machte einen Ausflug zum Grand Canyon,  lernte das Leben in  Sun City kennen und war begeistert, wie gut es sich da im Alter leben lässt.
Doch Arizona war erst der Anfang: Mittlerweile war mein Rentenantrag durch, und ich konnte mich nach einem Nebenjob umsehen. Durch einen Bekannten bekam ich die Adresse eines Herrn, der auch reisen wollte, aber stark behindert und auf Hilfe angewiesen war. Mit ihm unternahm ich einige Reisen. Ich kümmerte mich um Flüge und Hotels, Papiere und alles was nötig war. Da er im Rollstuhl saß, sorgte ich auch im Hotel für einen reibungslosen Ablauf und machte viele Ausflüge mit ihm. Es folgten Besuche bei Bekannten in Neuseeland und Australien – dort feierte ich den Jahrtausendwechsel – ein unbeschreibliches Gefühl. Eine zweimonatige Weltreise konnte ich auch verwirklichen. Einen anderen Traum, den ich nicht auf ein wages „Später“ verschieben wollte, war meine Reise in den Oman. Ich spürte, dass diese Reise mein Leben verändern würde. Schon am ersten Tag hatte ich das Gefühl: „Jetzt bin ich angekommen“. Die fremden Gerüche, die mir aber seltsam vertraut vorkamen, weckten Erinnerungen an meine Kindheit. Ich spürte keinerlei Angst, nur Ruhe in mir. Der Oman ist und bleibt mein Traumland, in das ich mich jedes Jahr für einen Monat zurückziehe. Ich kenne ihn  mittlerweile von Norden nach Süden und Osten nach Westen und habe dort viele Freunde gefunden.

Wahre Freunde

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Schicksalsschläge helfen nicht nur dabei, aus dem „Später“ ein „Jetzt“ zu machen, sondern öffnen auch die Augen für wahre Freundschaften. Mein Freundeskreis änderte sich nach der Krankheit radikal und wurde – lassen Sie es mich so beschreiben – unkonventioneller. Einige meiner besten Freunde sind schwul – was nur andere, mich aber überhaupt nicht stört. Im Gegenteil: Ich fühle mich wohl und geborgen. Wir unternehmen viel gemeinsam: Theater, Shows, kleine Reisen. Wir kochen zusammen und sind wie eine große Familie. Sie geben mir den Halt, den ich sonst nirgendwo gefunden habe und wir akzeptieren uns gegenseitig – ganz ohne Vorurteile.
Und da gibt es meine Freundin Reni, eine Schweizerin, die ich im Urlaub kennenlernte und mit der ich meine Weltreise machte. Sie war die Erste, die es schaffte, mir die Angst vor dem Meer zu nehmen. Ich kann nicht richtig schwimmen, aber sie nahm mich bei der Hand und marschierte mit mir ins Wasser. Einfach unglaublich für mich, aber mein Gefühl sagte mir, dass ich ihr vertrauen kann. Heute fühlen wir uns wie Schwestern.
Auch die Männerwelt musste nie auf mich verzichten. Was mich bis heute wundert:  Jüngere Männer können mit meiner Krebserkrankung viel besser und ungezwungener umgehen als ältere. Ich bekam immer viel Zuspruch und wurde dadurch sicherer und selbstbewusster. Die biedere Hausfrau war lange vergessen.

Mit dem Fallschirm in ein neues Leben
Ein wichtiges Erlebnis mag durchaus symbolisch für meine neue Lebenslust und meinen Lebensmut nach der Krankheit stehen: mein Fallschirmsprung. Was Entsetzen bei Freunden und Familie auslöste, war mir, die immer unter Ängsten litt, plötzlich ein dringender Wunsch.  Ich sprang an einem sonnigen Tag, und ich fühlte mich wunderbar. Zuhause hatte ich mich gestylt und geschminkt – dann ging es los. Wir stiegen auf 3500 Meter hoch, dann hieß es aussteigen. Das Gefühl war so überwältigend, dass ich es nicht beschreiben kann, einfach einmalig. Nach der Landung sah ich ziemlich zerrupft aus, aber das störte mich nicht. Denn ich war glücklich: Mein großer Traum, ich hatte ihn wahr werden lassen! Das konnte mir keiner mehr nehmen. Ohne die Krankheit hätte ich das nie gewagt. Die Euphorie hielt wochenlang an.
Ich bin stolz, dass ich mich nach der Krankheit so aufrappeln konnte, dass ich all diese Abenteuer und Entdeckungen erleben durfte, und dass ich immer noch in der Lage bin, Neues zu lernen. Besonders die schwierige arabische Sprache habe ich in meinem hohen Alter noch lesen und schreiben gelernt. Aber nicht nur das: Ich habe auch vor zwei Jahren angefangen zu modeln. Es ist wichtig, jeden Tag zu genießen und sich nicht unterkriegen zu lassen – von nichts und niemandem. Ich wünsche mir, dass meine Schilderungen auch anderen Betroffenen Mut machen, ein neues Leben zu beginnen … nach dem Krebs!

Text und Foto: Maria Mank