Kreativität kennt keine Altersgrenze

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Bereits in den 1950er Jahren prägte der Grafikdesigner Prof. Günther Kieser mit seiner Plakatkunst das Erscheinungsbild des Jazz in Deutschland. Vielen Musik- und Kulturereignissen hat er ein Gesicht gegeben. Er wurde mit internationalen Designpreisen geehrt und ist Mitglied der „Alliance Graphique Internationale“ Paris. Kein Grund, nur von der Vergangenheit zu sprechen.

Von unserer Autorin Helga F. Weisse

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Wie zuvor schon bei anderen Gelegenheiten hatte ich die Freude, zu Günther Kiesers 78. Geburtstag Gast zu sein bei ihm und seiner Frau Helly – seit 60 Jahren behutsame und starke Gefährtin durch sein Künstlerleben. Die Gespräche im Hause Kieser über Filme und Bücher, über Konzerte und Museen, über Gott und die Welt sind anregend und lebendig. Lebendig auch die Erinnerungen von Günther Kieser an seine Kindheit in Kronberg im Taunus, eine Kindheit im Dritten Reich, überschattet von belastenden und gefährlichen Situationen. Doch auch dies erzählt Günther Kieser beim Zurückdenken: „Wo sich heute der Opel-Zoo befindet, am Hang bei Königstein, das war unsere Drachenwiese.“ Welch eine schöne Vorstellung: bunte Drachen fliegen und mit ihnen die Träume eines begabten Jungen, der bereits „infiziert“ ist durch frühe Nachbarschaftskontakte zu einem bildenden Künstler, der vielleicht schon Fantasien hat von Schönheit und Farben, vom Gestalten und Darstellen. Und vom Übersetzen von Musik und Geschichten in seine Sprache, die Augensprache.

Musik übersetzt in Augensprache

Wie fantastisch ist ihm das gelungen. Wie fantastisch gelingt es ihm immer noch. Denn die Ideen sind ihm nie ausgegangen. Seine neuen Arbeiten, seine gegenwärtigen Projekte legen davon Zeugnis ab. Vor uns auf dem Tisch liegt der Entwurf zu einem Plakat, an dem er gerade arbeitet. „Ich nenne es Remember Albert“, sagt Günther Kieser, „weil es ein Konzert In Memoriam Albert Mangelsdorff ankündigen soll, das in diesem Herbst in Frankfurt am Main stattfinden wird.“ Auf dem Entwurf ist das in drei Teile zerlegte Instrument des 2005 verstorbenen weltberühmten Posaunisten abgebildet. Auf den Teilstücken des Instruments haben sich drei Vögel niedergelassen; sie stehen für den Musiker, der Vogelstimmenkenner und -liebhaber war, für seine Frau und seinen Sohn. Der Untergrund, die Perspektive, die Schatten zeigen: Es ist der Blick auf ein Grab. Die Botschaft ist deutlich: Das war der Mensch Albert Mangelsdorff und diese Posaune wird niemals mehr gespielt werden. Poetischer, melancholischer kann man es bildhaft nicht sagen.

Ein Stück Zeitgeschichte
Eine weitere Arbeit aus jüngster Zeit zieht meine Blicke an: ein hochformatiges Leporello, schlicht, edel, schwarz-weiß. Eine Kieser-Partitur zu Mozarts Don Giovanni im Stil der Opera dell Arte. Partitur deshalb, weil Günther Kieser jede der zehn Figuren der Oper in vertikal angeordneter Notenschrift gestaltete. Tatsächlich erweckt er mit sparsamen Mitteln die Figuren zum Leben: den Edelschurken Don Giovanni, die verzweifelte Furie Donna Anna, den finsteren Komtur und die liebliche Zerlina. Erdacht und erarbeitet hat Günther Kieser das Logo und die beschriebenen Figurationen zum Mozartjahr 2006 auf Wunsch der dortigen Museumsleitung im Auftrag der Stadt Offenbach. Ich fühle mich in eine Orchesterprobe versetzt, als Günther Kieser uns, begleitet von Gesten, seine Inspirationen erklärt. Auch Helly hört ihm aufmerksam zu. Seine ‚zentrale Kraft und Liebe’ nannte er sie einmal in einer Widmung und genau so nehme ich die Beiden auch heute wahr. Welche Aufgaben auf Günther Kieser noch warten, was immer er in Zukunft gestalten und umsetzen wird: Aufbauen kann er auf einer eindrucksvollen künstlerischen Lebensleistung. Seine Konzertplakate bahnten sich in der „Galerie der Straße“ – den Litfasssäulen und Anschlagflächen – bereits vor Jahrzehnten ihren Weg ins Bewusstsein der Betrachter; erregten bei Publikum, Kritikern und Kennern der Musik- und Kunstszene Aufmerksamkeit und Interesse; überraschten, provozierten, animierten – manchmal alles zusammen. Gleichgültig ließen sie keinen. Inzwischen kenne ich sehr viele Kieser-Plakate, zumindest als Abbildungen (und kann ein bisschen mitreden, wenn jemand fachmännisch nickend „typisch Kieser“ sagt).
Es bleibt das Erstaunen über die visuelle Intensität und Aussagekraft, mit der der Künstler thematisch vorgegebene Inhalte befördert und zugleich ein Stück Zeitgeschichte beschreibt. Blickfang sind die Plakate und doch viel mehr, denn sie machen Lust, sich auch auf bisher Unbekanntes einzulassen. Darüber hinaus definieren sie bereits Erwartung und Anspruch des Betrachters an das beworbene Ereignis, um schließlich in der Reflexion eine eindrucksvolle Bestätigung zu erfahren. Von einer Symbiose sprechen die Kritiken.

Kreativität statt Standardisierung

Die Auftraggeber – das Konzertbüro Lippmann+Rau, der Hessische Rundfunk, die Oper Frankfurt, die Organisatoren der Berliner Jazztage/Jazzfeste und viele mehr – waren sich dessen bewusst, denn immer wieder präsentierten sie Kieser-Plakate als inspirierendes Opening für ein breites Spektrum von Kulturveranstaltungen. Auch der Designer hat es stets zu schätzen gewusst, welcher Vertrauensvorschuss und welcher Gestaltungsspielraum ihm bei der Entwicklung und Umsetzung seiner Plakatideen – besonders des „visuell music design“ – eingeräumt wurde. „In dieser Form wäre das heute nicht mehr möglich“, sagt Günther Kieser, „denn in einer globalisierten Welt ist eben auch in der Kultur- und Musikindustrie eine standardisierte Visualisierung üblich geworden.“ Eine gewisse Ernüchterung über diese Entwicklung, auch was die Wertschätzung von Originalen und den Schutz der Urheberrechte betrifft, ist aus seinen Worten herauszuhören. Enttäuschung? „Das wäre undankbar soweit es mich betrifft, denn ich war doch in der glücklichen Lage, mich durch die Akzeptanz meiner künstlerischen Arbeit in meinem Beruf voll verwirklichen zu können. Aber die Auswirkungen durch Missbrauch moderner Möglichkeiten der Vervielfältigung und Bildbearbeitung sind durchaus kritisch zu beobachten, weil sie die Rechte gestaltender Künstler in ideeller und wirtschaftlicher Hinsicht massiv verletzen.“

Alter hat seine eigene Qualität

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Ich habe noch eine Frage an meinen Gastgeber, bevor ich mich bedanke und verabschiede. Dass sein berühmtes Jimi Hendrix-Plakat im Museum of Modern Art in New York ausgestellt ist, bedeutet es ihm etwas? „Es ist eine Ehre, ja. Aber ich sehe das gelassen, es muss nicht erwähnt werden“, sagt er. Das Glück, das er jetzt lebt, sein Carpe Diem, das ist davon nicht abhängig. Ich möchte es trotzdem schreiben dürfen und ich erwähne es hiermit voller Respekt. Das Glück, das er jetzt lebt - ich frage nach und er lässt mich teilhaben an den Gedanken, die ihn auf der Zielgeraden seines Lebens bewegen, seine Tage genau so und nicht anders zu gestalten. „Alter hat doch eine eigene Qualität, die wir, Helly und ich, pflegen und nicht aufgeben würden, um einer Pseudo-Jugendlichkeit nachzujagen. In dieser entschleunigten und sehr harmonischen Phase unseres Lebens genießen wir die kostbaren kleinen Dinge, deren Wert sich nicht in Geld und Ruhm ausdrücken lassen; die Balance und die Ruhe im gelben Haus am Fluss, in dem wir wohnen, die Sonne auf der Terrasse, der Wechsel der Jahreszeiten im Garten, der Gesang der Amsel, unsere Gemeinsamkeit. Ich will nicht das Klischee des trotz hohen Alters überaus aktiven und unvermindert leistungsbereiten Künstlers bedienen, der im Mittelpunkt steht und auf allen Hochzeiten tanzt.“ Eine Einstellung, die ich nachvollziehen kann. Doch ich weiß, auch wenn der Mensch Kieser ein zurückgezogenes Leben schätzt, so wird der Designer Kieser doch mit großer Lust die Herausforderungen an seine Fantasie, sein Können und seine Erfahrung annehmen und kreativ und professionell umsetzen. Diesen Eindruck nehme ich mit. „Design-Kultur im Kieser-Stil“, das dürfen wir, das dürfen auch künftige Auftraggeber von ihm erwarten.