Eine Geschichte des Vergessens
Im Zentrum des Romans „Wie ich mich einmal in alles verliebte“ stehen zwei Protagonisten, die unterschiedlicher nicht sein könnten, über denen aber doch ein gemeinsames genetisches Damoklesschwert schwebt: Der 15-jährige Seth und der altersschwache, bucklige Abel. Seths Mutter leidet unter der gleichen Krankheit wie Abels Bruder, nämlich einer (fiktiven) Alzheimerform namens „EOA-23“. Während Seth sich auf den Weg macht, um auf der Suche nach einem Heilmittel die genetische Geschichte seiner Mutter herauszufinden, lebt Abel wie ein Eremit auf einer alten Farm. Dort wartet der Einsiedler auf die Rückkehr seiner großen Liebe Mae, die aber mit seinem Bruder verheiratet ist. Das Thema Erinnerung ist Dreh- und Angelpunkt des Romans. Während den resignierten Abel seine Erinnerungen quälen, kämpft Seth in jugendlich naiver Hoffnung gegen das Vergessen. Die emotionale Betrachtungsweise des Autors Stefan Merrill Block macht die Familiengeschichte so bewegend. Sein Roman ist glaubhaft, weil der Autor aus eigener Erfahrung spricht: In seiner Familie treibt eine früh einsetzende Alzheimerform ihr Unwesen. Block bereitet sich innerlich darauf vor, dass sowohl seine Mutter als auch er selbst sterben könnten wie einst seine Großmutter: „langsam, in hundert Stückchen jeden Tag.“
Fazit:
Tragisch-komische Liebesgeschichte und grandioser Familienroman. Eine der großen Entdeckungen des Herbstes.
Stefan Merrill Block
Wie ich mich einmal in alles verliebte
Dumont 2008
348 Seiten
19,90 Euro

