Spieglein, Spieglein an der Wand …
rostfrei-Autorin Manuela Borkenhagen schreibt über Eitelkeit und merkt, dass das Thema alles andere als oberflächlich ist.
Heute habe ich mich richtig schick „uffgebrezelt“, um in Schreib-Stimmung zu kommen. Im Cocktailkleid, dezent geschminkt, sitze ich vor dem PC und habe ein Rendezvous mit der Eitelkeit.
Äußerlich bin ich bestens gerüstet, doch wie nähere ich mich dem Thema inhaltlich? Erstmal schauen, wie man Eitelkeit definiert: Eitle Menschen sind bestrebt, die eigene Schönheit und Attraktivität zu betonen. Eitelkeit, auch Gefallsucht genannt, ist die (übertriebene) Sorge um das eigene Aussehen, lese ich bei Wikipedia. Die weitere Recherche zeigt, dass Eitelkeit durchaus kein modernes Phänomen ist. Schon die Ägypter kreierten um 1500 vor unserer Zeitrechnung Schönheitselixiere gegen Runzeln aus Ochsengalle und pulverisierten Straußeneiern. Sozusagen das Botox1 der alten Ägypter, allerdings als äußerliche Anwendung gedacht.
Je später es wird und je mehr sich meine dezente Schminke in Wohlgefallen auflöst, desto mehr präsentiert sich mir die Eitelkeit als Thema, das sehr facettenreich ist und das vielfältige Ziele verfolgt. Ist Eitelkeit eigentlich vergänglich, frage ich mich und recherchiere weiter. Die Jugend ist die Blütezeit der Eitelkeit: Eher weniger als mehr verhüllt, bietet man seinen eigenen Körper dar. Nach dem Motto „Sehen und gesehen werden“, setzt man den jugendlichen Körper in Szene, um den eigenen erotischen Marktwert zu erproben. Harmloser: um zu zeigen, wie schön man/frau ist. Doch was geschieht mit uns (und der Eitelkeit), wenn sich erste körperliche Anzeichen des Älterwerdens einstellen und Jugendlichkeit als Attraktivitätskriterium entfällt? Vielleicht erst einmal verdrängen und denken: „Alt werden die anderen“. Oder von ewiger Jugend träumen?
Silberstreif am Oldiehorizont
Mir träumte, ich wäre Doriana Gray, die jüngere Schwester von Dorian Gray, jener berühmtem Romanfigur aus Oscar Wildes Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“. Im Roman altert statt des Protagonisten sein Bildnis. Aber in meinem Traum blieb meinem Bruder das Altern nicht erspart. Zunächst färbte er sich die grauen Haare. Als sie ihm ganz ausfielen, rasierte er sich am ganzen Körper. Hatte er doch in einem namhaften Lifestylemagazin für Männer über den Fußballspieler David Beckham gelesen. Der wurde 2003 zur Stil-Ikone des Metrosex-Mannes gekürt – der gepflegte, die Maniküre nicht scheuende und zuweilen Ganzkörperrasur betreibende Mann. Die Launen meines Bruders, als dieser in die Andropause (die männliche Form der Wechseljahre) kam, wurden immer bizzarer. Dorian, bestens beraten durch den Seniorcoach Herbert G. vom Internetforum „Silberstreif am Oldiehorizont“, absolvierte – nicht ganz erfolgreich – das volle Anti-Aging-Programm „forever young“. Als er sich allmählich in einen Baseballkappen tragenden good old boy verwandelte und dauernd „Opa, Senior, best ager“ vor sich her murmelte, riss mir der Geduldsfaden. Ich schickte ihn kurzerhand nach Sun City, Arizona, in den USA. In dieser künstlich entstandenen Rentnerstadt leben ältere, gut betuchte Menschen unter ihresgleichen und verbringen dort ihren letzten Lebensabschnitt – manche nennen diese Wohnform „Rentnerparadies“. Als Heimwehprophylaxe packte ich Dorian eine Reproduktion des Gemäldes „Der Jungbrunnen“ von Lucas Cranach dem Älteren ein. Das Bild zeigt faltige alte Damen, die von einer Seite ins Bad steigen, um es auf der anderen Seite als Mädchen mit Pfirsichblütenteint wieder zu verlassen. Nun träumen Dorian und Lucas gemeinsam den Traum des reversiblen Alters.
Sex im Alter ist Tabuthema Rising Damp video
An dieser Stelle des Traumes wache ich schweißgebadet auf, hebe den Kopf von der Tastatur, rücke mein zerknittertes Cocktailkleid zurecht und frage mich, wie der eigene Umgang mit Eitelkeit im Alter wohl jenseits der Traumwelt gelingen kann. Eitelkeit ist Arbeit – Arbeit an sich selbst und Selbstbetrachtung. Sie ist Auseinandersetzung mit uncharmanten Realitäten, aber auch mit Reife, Profil, Tiefe – nicht nur was die Falten anbelangt. Auf der Suche nach Antworten begebe ich mich in die Welt der Literatur.
Das klug geschriebene Buch von Silvia Bovenschen fällt mir dabei in die Hände. In einer Passage beschreibt sie ihren veränderten Umgang mit Mode: „Die fortgeschrittenen Jahre erzwingen eine Abwägung zwischen dem Zeitgemäßen und dem Altersgemäßen. Auf diesem Sektor meiner Existenz ist eine Beruhigung eingetreten. War ich früher kleiderästhetisch fasziniert von Exklusivität, Wirkung und Wagnis, so richtet sich jetzt mein Augenmerk vornehmlich auf Materialqualität, Verarbeitung, Schnitt und Sitz – auch der Aspekt der Wärmegebung ist hinzugekommen.“2 Geschickt kaschiert die altersgemäße Eitelkeit die Spuren des Alters und vermeidet gewagte Einblicke. Exklusive „Materialköstlichkeiten“ umschmeicheln wärmend den Körper einer attraktiven Dame in späten Jahren. Silvia Bovenschen schreibt distinguiert von „Wirkung und Wagnis“. Diskret formuliert sie, dass Eitelkeit, verpackt in modische Hüllen, auch das Ziel der erotischen Selbstdarstellung verfolgt. Sexuelle Aktivitäten werden automatisch mit Jungsein assoziiert, aber wer glaubt, Sex im Alter existiert nicht, der irrt. Es ist leider nach wie vor ein Tabuthema. Aber die steigende Anzahl der Partnervermittlungsbörsen im Internet für „best ager“ belehrt uns eines besseren.
Kleopatra: Selbstmord aus Eitelkeit
Eher uneitel geht es im Beispiel „Brückner“ zu: Frau Brückner ist die Hauptdarstellerin in Uwe Timms Novelle „Die Entdeckung der Currywurst.“ Sie erzählt rückblickend im Altersheim einem jüngeren Mann von ihrer Affäre mit Bremer, ihrem jugendlichen Lover. Die Geschichte spielt im Hamburg der letzten Kriegstage von 1945. Sie, damals Anfang vierzig, versteckt in ihrer Wohnung einen jungen Deserteur vor den Nazis. Beide beginnen eine Affäre. Frau Brückner verheimlicht ihrem Liebhaber das Kriegsende, um so noch länger seine erotische Liebe genießen zu können: „Weißte, unfair is nur das Alter. Nee. War schön. Basta. So einfach war das. Man liegt zusammen und weiß, wenn der aufsteht und weggeht, dann gibt’s nur noch die fünfzig-, sechzigjährigen Männer. Und die träumen dann ja auch nur wieder von ner Jüngeren. Das ist doch das Sonderbare, ne lange Zeit ist Alter etwas, was nur für andere gilt. Und dann, eines Tages, irgendwann um die vierzig, entdeckt man das an sich selbst: haste so n’ blauen Fleck, fein gesprenkelt, wie ne blaue Feuerwerksrakete, ist dir ne kleine Ader an der Innenseite vom Bein geplatzt. Am Hals, hier unterm Kinn, zwischen den Brüsten haste Falten, nicht viel, n paar, gerade morgens, und man sieht an sich selbst, man wird alt. Aber mit dem Bremer hab ich das vergessen. Ja, sagt sie, war ne rundum schöne Zeit, alles war so n bisschen schräg, aber eben das war auch schön.“3
Jeanne Moreau wusste, dass „der kleine Unterschied“ auch im Alter noch große Folgen hat: „Falten machen einen Mann männlicher, eine Frau älter.“ Und Kleopatra, der letzten Königin des ägyptischen Ptolemäerreiches, sagt man nach, sie habe Selbstmord begangen, als ihre Verführungskünste im Falle von Octavian versagten. Vor solch „nackten Tatsachen“ rümpft die Eitelkeit ihre Nase, allerdings nur so weit, wie es ihr ohne Faltenbildung gelingt. Bevor sie entschwindet, die Eitelkeit, schaut sie noch einmal in den Spiegel.
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Kürzlich erzählte mir eine Freundin von einer über 100-jährigen Dame folgende Anekdote: Jeden Morgen, bevor sie ihr Zimmer verlässt, streichelt sie liebevoll vor dem Spiegel die Falten ihres Gesichtes glatt. Ist diese Dame, bzw. ihr Verhalten, das Spiel mit der Selbstspieglung, nun eitel zu nennen oder hat sie sich im Laufe ihres langen Lebens eine gute Portion Narzissmus/Selbstliebe erworben? Margarete Mitscherlich wertet die Eitelkeit als Tugend. Das Streben des Menschen nach einer angenehmen, äußeren Erscheinung dient der Selbsterhaltung und Selbstliebe. Wer sich im Angesicht der eigenen Vergänglichkeit selbst zulächeln kann, der hat wirklich gut Lachen. Oder kennt auch die veraltete Wortbedeutung von Eitelkeit: Vergänglichkeit, Nichtigkeit, Leerheit und Vergeblichkeit.
rostfrei-Autorin Manuela Borkenhagen (48) absolvierte nach ihren Studien der Germanistik und Sozialarbeit eine therapeutische Zusatzausbildung in Psychoorganischer Analyse – eine therapeutische Fachrichtung, die Psycho-analyse mit Körpertherapie verbindet. Seit vielen Jahren ist sie als Sozialarbeiterin und Heilpraktikerin (Psychotherapie) in ihrer Geburtsstadt Frankfurt am Main tätig.
