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Darf’s etwas weniger sein?

rostfrei.tv August 7th, 2009

Ich weiß nicht, wie Sie darüber denken, aber wenn ich Blumen kaufe, möchte ich Blumen. Eigentlich ganz einfach. Ich möchte keine Stöckchen, Hölzchen oder Gitterchen, kein Bast, keine Taftschleife, keinen Schleier und schon gar kein Glitzerspray auf den Blättern. Ich möchte meinen Strauß auch nicht mit drei Meter fliederfarbenem Papier aufgedonnert haben wie einen High-Society-Hut beim Pferderennen in Ascot. Zwei, drei Sträußchen altmodisches Schleierkraut oder ein paar dezente grüne Stängel sind in Ordnung, doch die Rosen, die Gerbera, die Lilien sollen für sich sprechen und keine Nebenrolle spielen. Sorry, ihr von der Floristenzunft, die Ihr die tollsten Kunstwerke kreiert – ist eben Geschmacksache.

Noch einige Beispiele gefällig für „zuviel des Guten“? Reichlich überkandidelt finde ich zum Beispiel die smarten Farbbeschreibungen in Prospekten und Modekatalogen der edleren Art. Mauve, malve, mango, magent – wow, das könnte man glatt vertonen. Es ist aber leider nicht hilfreicher als Salbe auf einem Holzbein. Wenn Sie sich grade an ecru gewöhnt hatten, werden Sie sich nun zwischen kieselstein, birke, sahara, auster oder leinen heillos verfranzen. Und wie grün ist mein T-Shirt, wenn ich es wahlweise in palme, salbei, thymian oder strandhafer bestelle? Da werde ich möglicherweise mein blaues, pardon, grünes Wunder erleben.

Da wir grade bei grün  sind. „Hattest Du nicht einen grünen Salat bestellt?“, fragt mein Begleiter. „Eigentlich schon, ich suche ihn grade“, sage ich und räume mit der Gabel drei Walnusskerne, einen Streifen rote Paprika, je einen Löffel Karottenraspel und Krautsalat und vier Cocktailtomaten zur Seite. Außerdem zwei weißliche Stangen, nein, kein Spargel, irgendwas Asiatisches. Dann endlich schimmert es grün und ich finde an der Basis tatsächlich drei Blätter Kopfsalat. Für meinen Geschmack ist dieser Salat eindeutig überqualifiziert!

Genau passend dagegen ist der Wein, den man uns zu den verschiedenen Gängen des Menüs empfiehlt. Vollmundig, weich, trocken oder spritzig – ich bewundere den Sachverstand des Obers.

„Das ist Basiswissen“, relativiert mein Gegenüber, während wir anstoßen. „Da gibt’s noch weitaus schrägeres Vokabular, mit dem Kenner ihren Lieblingswein belegen. Wusstest Du, dass ein Wein muskulös sein kann oder engmaschig, nervig, schlank oder mollig? Dass er sich finessenreich am Höhepunkt bewegen und unendlich im Abgang sein kann?“ Ich lächle meinen Begleiter an. „Du bist sicher, dass Du von Wein sprichst?“

Helga F. Weisse (74)

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ist freie Autorin,
scharfsinnige Alltags-
beobachterin und
Kolumnistin bei rostfrei.

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The Rattles: „And the beat goes on”

rostfrei.tv Mai 7th, 2009

Ist es der musikalische Zeitgeist der Sixties, der am Beispiel der Hamburger Beat- und Rocklegende „The Rattles“ noch einmal auflebt? Sind es die vielen unveröffentlichten Fotos aus dieser Zeit, oder sind es die interessanten Anmerkungen der Protagonisten, die jedem der 18 Kapitel vorangehen und die diese Dokumentation zu einer wahren Fundgrube werden lassen? Oder sind es gar die unzähligen alten Zeitungsartikel, die man im Buch wiederfindet und die sich teilweise an Respektlosigkeit gegenüber der Beatmusik und deren Musikern geradezu überbieten? Wohl von jedem etwas und für jeden etwas, scheint die schlüssige Antwort.
Ergänzt wird dieses Buch durch die umfangreichste bisher erschienene Rattles-Diskografie sowie dem unglaublichen Rattles-Stammbaum mit weit über 20 Musikern. Autor Werner Walendowski hat aber auch die erfolgreiche „Neu-Zeit“ der Rattles berücksichtigt und hat dankenswerterweise dem heutzutage favorisierten Voyeurismus einen Riegel vorgeschoben.

Fazit:

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Ein Buch, das dem Stellenwert der Rattles damals wie heute gerecht wird.
Text:

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Wolfgang Kling

The Rattles:
Die Story von 1960 bis heute
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Hommage Verlag, 2008
Vertrieb Membran International GmbH
250 Seiten,
29,95 Euro

Eine Geschichte des Vergessens

rostfrei.tv Mai 7th, 2009

Im Zentrum des Romans „Wie ich mich einmal in alles verliebte“ stehen zwei Protagonisten, die unterschiedlicher nicht sein könnten, über denen aber doch ein gemeinsames genetisches Damoklesschwert schwebt: Der 15-jährige Seth und der altersschwache, bucklige Abel. Seths Mutter leidet unter der gleichen Krankheit wie Abels Bruder, nämlich einer (fiktiven) Alzheimerform namens „EOA-23“. Während Seth sich auf den Weg macht, um auf der Suche nach einem Heilmittel die genetische Geschichte seiner Mutter herauszufinden, lebt Abel wie ein Eremit auf einer alten Farm. Dort wartet der Einsiedler auf die Rückkehr seiner großen Liebe Mae, die aber mit seinem Bruder verheiratet ist. Das Thema Erinnerung ist Dreh- und Angelpunkt des Romans. Während den resignierten Abel seine Erinnerungen quälen, kämpft Seth in jugendlich naiver Hoffnung gegen das Vergessen. Die emotionale Betrachtungsweise des Autors Stefan Merrill Block macht die Familiengeschichte so bewegend. Sein Roman ist glaubhaft, weil der Autor aus eigener Erfahrung spricht: In seiner Familie treibt eine früh einsetzende Alzheimerform ihr Unwesen. Block bereitet sich innerlich darauf vor, dass sowohl seine Mutter als auch er selbst sterben könnten wie einst seine Großmutter: „langsam, in hundert Stückchen jeden Tag.“

Fazit:

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Tragisch-komische Liebesgeschichte und grandioser Familienroman. Eine der großen Entdeckungen des Herbstes.

Stefan Merrill Block
Wie ich mich einmal in alles verliebte

Dumont 2008
348 Seiten
19,90 Euro

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