Welcome to Harlem

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Wenn Mütter ihre Söhne besuchen, kann das zu einer spannenden Entdeckungsreise werden und zum Abbau von Vorurteilen beitragen. Zumal, wenn das Ziel der Stadtteil Harlem in New York City ist. rostfrei-Autorin Erika Moll-Iffland berichtet von ihrem Besuch in der bekanntesten afro-amerikanischen Gemeinde der Welt.

Mein Sohn lebt seit einigen Jahren als freier Journalist für deutsche Zeitungen in NYC. Mindestens einmal im Jahr besuche ich ihn dort, und ich habe viel erfahren über diese Stadt und den Alltag ihrer Bewohner. Die unterschiedlichsten Stadtviertel habe ich dabei kennengelernt: Das East Village etwa, das Bohème-Viertel, wo mein Sohn zur Untermiete in der zehnten Straße mit Blick auf den East River wohnte, das benachbarte Greenwich Village und die Lower East Side oder den Latino-Stadtteil Washington Heights, wo er am komfortablen Riverside Drive mit Blick auf den Hudson für eine Weile unterkam. Seit zwei Jahren hat er nun, nach langem Suchen auf dem schwierigen New Yorker Wohnungsmarkt, eine eigene Wohnung. Er lebt in Harlem, an der 151sten Straße West, zwischen Broadway und Amsterdam Avenue, an der Grenze zu Washington Heights. Harlem ist der Teil der Insel Manhattan nördlich des Central Parks zwischen 110ter und 155ter Straße. Touristen verirren sich kaum in diesen District und das ist schade.

Unter Nachbarn
Harlem ist traditionell das Viertel der Afroamerikaner. Hier haben seit mehr als hundert Jahren die schwarzen Amerikaner aus dem ganzen Land eine Zuflucht gefunden und ihre eigene Kultur und Lebensweise pflegen können. Vor meinem ersten Besuch hier hatte ich mir kaum Gedanken über Harlem machen können. Und jetzt stand ich plötzlich, gerade aus Frankfurt gelandet, mittendrin. Das Haus meines Sohnes ist ein renovierter Altbau, gepflegt aber nicht aufwendig, fünfstöckig mit kleinen weißen Säulen am Eingang. Keine luxuriöse Eingangshalle, nur ein Vorraum. Im dritten Stock, den man mit dem Aufzug erreicht, eine hübsche Wohnung mit hohen Räumen. Der Blick aus dem Fenster zeigt gleich, wer die Nachbarn sind: Ganze Familien schwarzer Hautfarbe sitzen an den warmen Sommerabenden auf den Treppenstufen vor ihren Häusern, schwätzen und sind auch ein wenig laut: „Stoop-Sitting” nennt man das, eine gute New Yorker Tradition noch aus der Zeit bevor es Klimaanlagen gab. Es drängt die Menschen hinaus aus den stickigen Wohnungen auf die Straße, wo sie die schwülen Abende mit ihren Nachbarn verbringen, bis es drinnen erträglich genug zum Schlafen ist. Wenn es allzu heiß wird, werden die Hydranten aufgedreht und es kommt zu einer Wasserschlacht zwischen den Jugendlichen. In Harlem, das noch nicht wie andere Viertel durchgängig luxussaniert ist, wird diese schöne Tradition noch gepflegt.
Der erste Nachbar, der mir begegnet, ist Mr. Paulino, der Hausmeister, ein Latino aus der dominikanischen Republik. Sofort werde ich als zeitweiliger Mitbewohner akzeptiert. Beim zweiten Besuch bin ich schon die Mom. Ich gehöre dazu.
Einkaufen um die Ecke, in kleinen, familienbetriebenen Geschäften, das ist in Harlem noch möglich: An der Ecke Broadway – wie überall eine breite Verkehrsstraße mit grünem Mittelteil – und 151st ist die Wäscherei und Reinigung von einem Koreaner betrieben. Sie ist eng und nicht sehr komfortabel. Aber: Sie reinigen die Sachen von heute auf morgen. Im winzigen Raum mit Fenster zur Straße sitzt ein Schneider, der alles repariert, was ihm unter die Finger kommt. Ein paar Häuser weiter ein Haushaltswarengeschäft. Im Laden kann man sich kaum umdrehen, doch das Angebot ist enorm. Der Inhaber stammt aus der Dominikanischen Republik und engagiert sich für den Wahlkampf in seiner Heimat. Er hilft den vielen dominikanischen Einwanderern im Viertel bei der Briefwahl. Ein paar Häuser weiter der Supermarkt und gegenüber die Drogerie mit medizinischer Abteilung. Zwei Besuche genügten, und die Inhaber haben mich erkannt. Wie auf dem Dorf! Dazwischen gibt es kleine Läden, nicht sehr einladend mit Inhabern hinter verglasten Scheiben, als Schutz vor Überfällen. Ein wenig Überwindung kostet es schon, da reinzugehen. Nur hier kann man Zigaretten kaufen. Aber: gefährlich ist es nicht. Der Besitzer – er stammt aus dem Jemen – ist freundlich und zuvorkommend.
Zum wöchentlichen Großeinkauf gehen wir in das Herz von Harlem an der 125sten Straße. Unter den Brücken der Hochbahn – der EL, für „elevated“ wie man hier sagt – ein Großmarkt, wie ich ihn noch nie erlebt habe. Dort gibt es nicht nur amerikanische, sondern Produkte aus aller Welt in bester Qualität. Die Hochbahnstation zu der wir unsere Einkäufe schleppen, ist ein Erlebnis für sich: Eine schier nicht enden wollende Treppe aufwärts führt zum Bahnsteig. Die ratternde Bahn fährt hier auf Stelzen. Wir haben die rostigen Stahlträger von unten gesehen und uns gerne an den Artikel in der New York Times erinnert, in dem beschrieben wurde, wie die Installationen der Hochbahn ständig gewartet werden. Früher, so war dort auch zu lesen, fuhren viele U-Bahn-Linien wie hier auf Stelzen über den Avenuen. Heute ist dies eher eine Seltenheit geworden. Und auch wenn dies Erlebnis ist, sind wir froh, als die Bahn nach einer Station wieder unter die Erde abtaucht.
Zur Nachbarschaft im oberen Harlem West gehört der Fluss, der Hudson River, ein Strom von der Breite des Rheins, der die Insel Manhattan umspült. Der englische Seefahrer Henry Hudson, Entdecker New Yorks, schipperte vor 400 Jahren den Fluss hinauf, um das noch unerforschte Hinterland zu erkunden. Nur zehn Minuten zu Fuß, und wir sind dort. In der Abenddämmerung zeigt der Hudson sich von seiner besten Seite, majestätisch mit einem Sonnenuntergang in schillernden Farben. Am Ufer vergessen wir die riesige Stadt. Die Leute gehen spazieren, Radfahrer und Jogger sind unterwegs; jemand lässt seinen Drachen steigen, eine Gruppe Mexikaner angelt. Alte Leute sitzen in der Sonne, Kinder spielen.

Der Feiertag ist heilig
In Harlem gibt es, mehr als anderswo in New York, viele Kirchen. In der schwarzen Gemeinde wird der Glauben noch ernst genommen und gepflegt. Trotz unterschiedlicher Konfessionen – Baptisten, Episkopalier, Methodisten und Pentecostals: Wenn Sonntag ist, spürt man das. Im Baton-Rouge, einem komfortablen Südstaatenlokal an der 145ten Straße, sind wir eines Sonntags viel zu früh zum Mittagessen. Das Lokal ist leer. Die Leute sind noch in der Kirche, sagt der Kellner und tatsächlich – um kurz nach Eins füllt sich der Raum schlagartig.
Schon am Sonnabend kündigt sich in Harlem der Feiertag an. Die Friseursalons sind überfüllt, man macht sich schick. Niemand geht hier schlampig in die Kirche.
Im alten, vornehmen Harlem, an der 138st Straße, steht die eindrucksvolle Abyssinian Baptist Church, die berühmteste und älteste Kirche Harlems. Afroamerikaner gründeten 1808 hier ihre eigene Kirche, weil sie nicht länger in der First Baptist Church of New York, Downtown, im weißen Manhattan und getrennt nach Rasse, Gottesdienst feiern wollten. 1923 wurde das Gebäude in Harlem fertiggestellt, finanziert durch enorme Spenden. In den Dreißigerjahren beherbergte die Kirche die größte protestantische Gemeinde der Vereinigten Staaten.
Zum Neujahrsgottesdienst hatten wir uns die Abyssinian Church ausgesucht, weil wir von den feierlichen Gottesdiensten zum Jahreswechsel hier gehört hatten. Wir waren frühzeitig gekommen, um uns einen Platz zu sichern und wurden bald gewahr, dass wir unter all den festlich gekleideten Schwarzen die einzigen Weißen waren. Wir haben schließlich den Prospekt studiert und festgestellt, dass dies für schwarze Amerikaner ein besonderer Gottesdienst mit großer historischer Bedeutung ist: Der 31. Dezember ist die „Watch Night“ im Gedenken an die Neujahrsnacht 1863, dem Tag der Sklavenbefreiung. Als wir ein wenig bedrückt wieder gehen wollten, hat man uns freundlich überredet zu bleiben, und wir haben es nicht bereut. Höhepunkte: die energische Predigt des charismatischen Pfarrers Calvin Butts und der Gospelchor mit drei Reihen von Sängern positioniert in bunten schillernden Gewändern mit einer Musikalität ohnegleichen. Um Mitternacht der Segen: Die Gemeinde fasst sich an den Händen und konzentriert sich. Danach umarmen wir uns ganz selbstverständlich, meine schwarze Nachbarin und ich. Wir fühlen uns – ungeachtet der Hautfarbe – willkommen.

„Der Jazz ist schwarz und kommt aus Harlem”


In einem Artikel für die Frankfurter Rundschau hat mein Sohn beschrieben, wie sehr in Harlem bis heute der Jazz Teil des Lebens und Alltags ist. Dass das stimmt, erleben wir im Wohnzimmer von Marjorie Eliot auf dem Sugar Hill, jeden Samstag. Marjorie wohnt in 555 Edgecombe Avenue, ein vornehmes Apartmenthaus aus der Blütezeit des Harlemer Jazz, in den 20er Jahren. Den alten Glanz dieses Viertels kann man noch spüren in der prunkvollen Eingangshalle des Gebäudes, die mit Marmor ausgelegt ist und von elaborierten Mosaiken geziert wird. Im Apartment 6D angekommen, setzt man sich in das enge Wohnzimmer auf alte Klappstühle und lauscht einträchtig dem Blues. „Im Jazz“, hatte mein Sohn geschrieben, „findet das schwarze Amerika seit Jahrhunderten die spirituelle Kraft, alle Demütigungen und Grausamkeiten des Lebens in Unterdrückung zu überstehen.“ In dieser intimen Umgebung spüren wir die heilsame Kraft dieser Musik, wie man sie auf Platten und in großen Konzerten niemals spüren könnte.
Aber auch anderswo in Harlem lebt der Jazz noch. Etwa in kleinen Kellern, wie „Bill’s Place“, einem Lokal an der 133st Straße. Höchstens 12 Leute passen hier herein, sitzen eng gedrängt und lauschen dem Jazz, jeden Freitagabend bis weit in die Morgenstunden. Oder im St. Nick’s Pub, dem Lieblingslokal meines Sohnes an der St. Nicholas Avenue, wo ab Mitternacht die Künstler, die vorher in den vornehmen Lokalen Downtown für die Touristen spielen, freie Bahn haben für ihre Improvisationen bis in die Morgenstunden.
Etwas feiner und förmlicher ist die Lenox Lounge, dem erst kürzlich wieder renovierten 20er Jahre Artdéco-Club an der Lenox Avenue zwischen 124th und 125th Straße. Ein Raum wie ein Schlauch, eine lange Theke, voll besetzt und parallel dazu ein paar winzige Tische. Etwa zwei Stunden dauert hier eine Session mit Klavier, Saxophon und Schlagzeug, dazwischen noch eine Sängerin. Am besten gefällt mir die junge Frau am Schlagzeug, die ihr Instrument souverän beherrscht. „Ich bin mit Jazz aufgewachsen“, erzählt überraschend die 25-jährige Luciana aus der Bronx. In den schwarzen Familien wird der Jazz von Generation zu Generation weitergegeben.

Der Stadt entfliehen
Von so viel Nachtleben erschöpft, drängt es uns an einem wunderbaren Frühlingstag ins Grüne. Mit der Subway – einem Local – zuckeln wir in Richtung Norden in die Bronx. Dort steigen wir dann in den Bus nach Wave Hill. Es ist ein zauberhafter Botanischer Garten, auf einer Anhöhe über dem Hudson mit Blick auf das gegenüberliegende Steilufer. Wir streifen durch die Gärten und Gewächshäuser und lassen uns zu einem Picknick auf der Wiese nieder. Am nächsten Tag geht mein Flieger zurück nach Frankfurt. Ich mag gar nicht daran denken. Ich fühle mich hier schon richtig zuhause.

Die Autorin:
Unsere Autorin Erika Moll-Iffland,
Jahrgang 1930, arbeitete Zeit ihres Berufslebens als Fachredakteurin. Sohn Sebastian lebt als Auslandskorrespondent für deutsche Tageszeitungen und Magazine in New York. Wenn Mutter zu Besuch kommt, zeigt er ihr Facetten einer Stadt, wie sie nur wenige Touristen kennen. Dabei entdeckte sie, dass die Weltmetropole am Hudson mitnichten nur eine Stadt für junge Leute ist – sie schlägt Menschen aller Altersgruppen in ihren Bann.