Wenn die Bienenkönigin tutet
Wahrscheinlich wissen Sie nicht, wann eine Bienenkönigin tutet und warum sie das macht. Das ist auch ganz normal so, weil Sie kein Imker sind. Aber Sie könnten einer werden, oder noch besser: eine Imkerin.
In Deutschland gibt es rund 90.000 Imker, davon sind aber lediglich vier Prozent Frauen und weil die Mitgliederzahlen in den Imkervereinen seit Jahren zurückgehen, hat der Deutsche Imkerbund das Jahr 2008 zum „Jahr der Frau in der Imkerei“ ausgerufen. Der Verband will in diesem Jahr gezielt den weiblichen Nachwuchs ansprechen und mit Aktionen wie „Schnupperkurs“ und „Probe-Imkerin“ für die faszinierende Welt der Bienen begeistern. Christina Lerch-Zimmermann hat sich bereits vor acht Jahren für die Imkerei begeistern lassen und das hat sich bis heute nicht geändert. „Jetzt schauen Sie mal, ob Sie die Königin finden“, heißt ihre erste Aufforderung als ich sie auf der Landesgartenschau in Bingen besuche, wo der Imkerverein Ingelheim-Bingen einen Informationspavillon aufgebaut hat. Ich starre eine Weile in das Gewimmel hinter der Plexiglasscheibe eines Muster-Bienenstocks und tatsächlich: Eine große Biene hat ein kleines orangefarbenes Schildchen mit einer Zahl auf dem Rücken kleben. Das muss die Königin sein. Frau Lerch-Zimmermann erklärt mir, dass die Königin die einzige Biene eines Volkes ist, die mehrere Jahre lebt. Arbeiterinnen und männliche Drohnen leben meist nur wenige Wochen. Um die Bienenkönigin schnell identifizieren zu können, bekommt sie ein Schildchen auf den Rücken geklebt. Die Farbe zeigt dann, ähnlich wie eine TÜV-Plakette, in welchem Jahr sie geschlüpft ist. Nachdem sich die Königin an ihrem Hochzeitstag mehreren Drohnen hingegeben hat, besteht ihre einzige Aufgabe darin, für Nachwuchs zu sorgen. Und das macht sie richtig gut: Bis zu 2.000 Eier kann eine Bienenkönigin an einem einzigen Tag legen. Das macht bis zu 200.000 Eier in einer Saison und trotzdem kann sie fünf Jahre alt werden.
Aus eins mach zwei
„Jetzt schauen Sie mal, ob Sie die Königin finden“. Frau Lerch-Zimmermann hat sofort gesehen, dass ein neuer Besucher in den Imker-Pavillon gekommen ist und ich beobachte interessiert, ob er die Königin schneller findet als ich. Angefangen hat die Ingelheimerin, wie viele andere Hobby-Imker auch, als ihr vor Jahren ein Bekannter vorgeschlagen hat, probeweise zwei so genannte „Ableger“ von seinen Bienenvölkern zu übernehmen. Genau wie bei den Gärtnern heißt es auch in der Imkerei „Ableger“, wenn man sich kontrolliert die Tatsache zunutze macht, dass ältere Königinnen mit einem Teil des Staates den Bienenstock verlassen, wenn eine neue Königin schlüpft. Beide Völker vermehren sich dann wieder und die Imker haben nun doppelt so viele Bienen, die für sie Honig produzieren. Die Imkerin aus Ingelheim umsorgt heute sieben Bienenvölker und mehr sollen es auch nicht werden, damit Beruf und Familie nicht zu kurz kommen. Wenn wir von Imkern sprechen, denken wir meistens an Honig als leckeren Brotaufstrich, wovon die Deutschen durchschnittlich 1,3 Kilogramm pro Jahr verzehren. Die fleißigen Bienen vollbringen dafür rekordverdächtige Leistungen. Für ein Pfund Honig müssen sie mehrere Millionen Blüten anfliegen und dabei eine Strecke zurücklegen, die dreimal um die ganze Erde reicht. Das Endprodukt Honig entsteht dadurch, dass der Pflanzennektar, den die Sammlerin in der Blüte aufsaugt und in ihrem Honigmagen nach Hause transportiert, im Bienenstock von Biene zu Biene weitergereicht wird. Dabei werden jedes Mal Enzyme zugeführt und Wasser entzogen, bis schließlich die zähflüssige Leckerei entsteht, die wir so lieben.
Ein Bienenvolk mit rund 50.000 Arbeiterinnen produziert in einer Saison 20 bis 25 kg Honig und trotzdem decken die einheimischen Bienen nur ca. 20 Prozent des Bedarfs in Deutschland ab. Der Rest muss importiert werden. Eine viel größere Bedeutung haben Honigbienen aber für den Naturhaushalt, denn durch die Bestäubung von 80 Prozent der heimischen Nutz- und Wildpflanzen schaffen sie einen enormen volkswirtschaftlichen Nutzen, der den Wert der Honigproduktion um ein Vielfaches übersteigt. Honigbienen sind damit nach Rind und Schwein das drittwichtigste landwirtschaftliche Nutztier.
Rauchen ist manchmal gesund
In der Zwischenzeit hat eine Gruppe von Kindern neugierig den Pavillon betreten und nachdem jedes einzelne geschaut hat, ob es die Königin findet, dürfen sich zwei Mädchen einen Schutzanzug anziehen, um sich einen Bienenstock aus der Nähe anzusehen. Ist ja schließlich das Jahr der Frau in der Imkerei. Frau Lerch-Zimmermann zeigt den kleinen Marsmenschen jetzt, wie eine „Beute“ aufgebaut ist. So heißt die Bienenwohnung in der Imkersprache. Deutsche Honigbienen sind zwar im Grunde friedliche Tiere, aber stechen können sie auch und das tut trotz Gewöhnung immer noch weh. Die Imker benutzen deshalb neben der Schutzkleidung auch ein Räuchergerät, den Smoker, wenn sie eine Beute öffnen. Der Rauch gaukelt den Bienen vor, dass es in der Nähe brennt und die selbstlosen Insekten sind dann so damit beschäftigt, Vorkehrungen für eine Evakuierung des Hauses zu treffen, dass sie nicht mehr zum Stechen kommen. Wer dennoch gestochen wird, sollte den Stachel, der mit dem Hinterleib in der Haut stecken bleibt, vorsichtig mit dem Daumennagel herausschieben, weil sonst noch mehr Gift in die Wunde gelangen kann.
Frau Lerch-Zimmermann und die beiden Mädchen sind wie erwartet nicht gestochen worden. Überhaupt ist die Imkerei eine meist friedvolle Beschäftigung, bei der es auf Ruhe und Naturverbundenheit ankommt. Außerdem kann man dieses Hobby in jedem Alter betreiben. Das jüngste Mitglied im Imkerverein Ingelheim-Bingen ist 14 Jahre, das älteste 82 Jahre. Die erfahrenen Mitglieder zeigen Ihnen gerne, was man als Anfänger wissen muss und stehen Ihnen mit Rat und Tat zur Seite. Also wenn Sie sich für die Welt der Bienen und Blumen begeistern können, dann gehen Sie zu einem Imkerverein in Ihrer Nähe, Adressen gibt es beim Deutschen Imkerbund, oder kommen Sie noch bis Mitte Oktober zur Landesgartenschau nach Bingen und schauen, ob Sie die Königin finden. Dort erfahren Sie vielleicht auch, wann und warum die Bienenkönigin tutet − von mir erfahren Sie es nicht.
Kontakt
Deutscher Imkerbund
Villiper Hauptstraße 3
53343 Wachtberg
Tel. (0228) 9329218
www.deutscherimkerbund.de
Imkerverein Ingelheim-Bingen
Franz Wassermann
Tel. (06701) 2841
www.imkerverein-ingelheim-
bingen.de
