Wessen Kind ist das?
Helga F. Weisse (73) ist freie Autorin und scharfsinnige Alltagsbeobachterin. Ihre Kolumnen besitzen den besonderen Schuss Humor und Schärfe. Früher für einen großen Schulbuchverlag in Frankfurt und Berlin tätig, verfasst sie heute Rundfunkbeiträge für den SWR2 und MDR. Die dreifache Mutter und vierfache Großmutter ist nach langjähriger Ehe verwitwet und inzwischen wieder liiert mit dem Konzertveranstalter Fritz Rau.
Wundern Sie sich auch manchmal über Ihre Enkelkinder? Wundern Sie sich ruhig, aber halten Sie sich raus! Auch den neuesten Trend in der Kids-Event-Kultur, das „wilde Übernachten“ müssen Sie nicht verstehen.
Nein, das hat beileibe nichts Unmoralisches oder Illegales an sich. Es ist einfach angesagt, mit Freundinnen oder Freunden bei deren Eltern zu übernachten. Kein Elternhaus, in dem nicht Gästebetten, Luftmatratzen oder ausziehbare Schlafsessel verfügbar wären. Kein Badezimmer, in dem nicht eingeblisterte Kinderzahnbürsten für überraschende Schlafgäste bereit stünden. Auch kein Erstaunen darüber, dass regelmäßig fremde Kindersocken, -unterhosen oder -shirts im Wäschekorb auftauchen, die dann irgendwie den kleinen Eigentümern wieder zugeordnet werden müssen.
Manchmal treiben diese Aushäusigkeiten seltsame Blüten. Es soll vorkommen, dass sich in irgendwelchen Kinderzimmern irgendwelche Kinder, die dort gar nicht hingehören, zur Nachtruhe begeben, während die Kinder, die da polizeilich gemeldet sind, woanders nächtigen. Diese blonde Zehnjährige zum Beispiel passt überhaupt nicht in die italienischstämmige Familie, in der alle einen olivfarbenen Teint und schwarze Locken haben. Trotzdem tappt sie spätabends ins Elternschlafzimmer und fragt nach dem Aus-Knopf für den CD-Spieler, nach dem Lichtschalter auf der Treppe und „ich hab’ Durst, wo find’ ich denn ein Glas?“
„Hab’ ich da was verpasst, ist das unser Kind?“, fragt der Vater schlaftrunken. „Nein, das ist Jaqueline, eine Freundin von Lisa.“ „Und wo ist Lisa?“ „Die schläft bei Vanessa, das heißt sie wollte dort schlafen, aber Vanessa übernachtet schon bei Marie und jetzt sind sie alle drei dort.“ Diese Mutter ist allerdings nicht auf dem neuesten Stand: Lisa, Vanessa und Marie schlafen nämlich bei Maries großer Halbschwester Ute und dem Freund, bei dem Ute am Wochenende die Nächte verbringt. Weil: Maries Bruder, Kevin, hatte noch drei Freunde zum Übernachten mitgebracht, so dass es etwas eng wurde. Alle zusammen waren bei Ann-Kathrin zum Kindergrillfest gewesen. Als alle Hamburger vertilgt und alle Luftballons zum Platzen gebracht waren, zückten die kleinen Gäste ihre Handys und arrangierten ihre Dates für den Abend.
„Hey Mum, du kannst uns jetzt abholen.“
„Uns?“
„Ja, uns. Der Philipp kommt mit“, lautete z.B. eine Durchsage, und eine andere: „Mama, ich sag’ nur Bescheid, ich schlafe bei Ann-Kathrin“.
Zufällig ohne Schlafkumpan blieb an diesem Abend Fabian.
„Kann ich nicht wenigstens beim Opa schlafen?“, quengelt er.
„Geht nicht“, sagt sein Papa. „Opa übernachtet heute bei seiner Freundin.“
„Na gut, dann schlaf’ ich eben bei Euch, zwischen Dir und Mama.“
