Wohnformen im Alter

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Heute

Sie sind in den besten Jahren, eben ein Best Ager, haben Karriere gemacht oder nicht und haben vielleicht noch zehn Jahre Berufstätigkeit vor sich. Stehen als Frau oder Mann mit beiden Beinen voll im Leben, vielleicht sind Ihre Kinder schon erwachsen und Sie sind gerade stolze Großmutter oder stolzer Großvater geworden. Kurzum: Die Gegenwart, das Hier und Jetzt braucht Ihre gesamte Aufmerksamkeit und abends freuen Sie sich auf Ihren wohl verdienten Feierabend.

Morgen
Morgen, das Alter, Ihr Älterwerden hat noch Zeit, so meinen Sie. Vielleicht werden Sie schneller alt als Ihnen lieb ist. Aber wie, mit wem und wo man im Alter wohnen oder leben will, kann jeder selbst entscheiden. Daher möchten wir Sie schon heute gedanklich auf Ihre Zukunft einstimmen und Sie lesend dazu einladen, zwei Städtereisen mit uns zu unternehmen. Gerne dürfen Sie sich dabei ganz entspannt in Ihrem Lieblingssessel zurücklehnen.

Städtereisen
Zuerst reisen wir nach Sun City, Arizona. Wir wollen jenes sagenumwobene Rentnerparadies erkunden. Seine Pforten öffnet es für Sie, wenn Sie das 55. Lebensjahr erreicht haben und im Besitz des erforderlichen „Kleingeldes“ sind. Ist Sun City, eine auf Wüstenboden gebaute Stadt, wirklich so sonnig und wärmt wohlig die alten Knochen ihrer Bewohner? Oder welche Schatten wirft die Wüstensonne auf dieses „faltige Ghetto“ der jung gebliebenen Alten?
Weiter reisen wir in die Hansestadt Bremen, im Gepäck führen wir das Buch „Grau ist bunt“ von Henning Scherf. Natürlich haben wir es sorgfältig studiert. Der ehemalige Bremer Bürgermeister befasst sich aus seiner Sicht als Politiker, aber auch als alternder Privatier mit Fragen des Alters. Konkreter interessieren ihn mögliche Wohnformen im Alter. Und er plädiert und praktiziert eine alternative Wohnform: Er lebt in Deutschlands bekanntester Wohngemeinschaft.

Sun City

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Rentnerstädte werden in den USA als Sun Cities bezeichnet. Bereits im ausgehenden Wilden Westen sehnten sich alternde Cowboys und -girls in die warmen Gefilde südlicher Bundesstaaten wie Florida und Kalifornien. Anno 1911 gründeten „Health Seekers“ („Gesundheitssucher“) in Kalifornien „Pilgrim Place“, die erste exklusiv von alten Menschen bewohnte Siedlung. Das 1954 durch den Zimmermann Del E. Webb gegründete „Youngtown“ ist der eigentliche Vorläufer der Sun Cities. Mit der steigenden Lebenserwartung alter Menschen wuchs auch die Nachfrage nach speziellen Wohnorten für diese. Webb hatte aber eine spezielle Zielgruppe vor Augen: den aktiven, jungen und fitten Rentner. 1960 wurde die erste Sun City gegründet. Und heute betreibt die Del E. Webb Corporation in über 10 Bundesstaaten Sun Cities.

Ihr Tag in Sun City Hoot rip


Sie beginnen Ihren Tag vielleicht mit einem Frühstück auf der Terrasse ihres Bungalows, jedenfalls scheint die Sonne. Vor Jahren schon kauften Sie vorsorgend diesen Bungalow per Katalog und auch Ihre Nachbarn leben in fast identischen Häusern. Ihre Nachbarn haben auch alle einen ähnlichen Background wie Sie: Sie sind weiß, verfügen über ein sehr hohes Einkommen und gehören der Bildungselite an. Das Durchschnittsalter liegt bei 75 Jahren, was Ihnen aber gar nicht mehr weiter auffällt. Sie und Ihre Nachbarn leben schon seit gut 15 Jahren hier und altern eben gleichermaßen wie Sie. Und jüngere Menschen sind auf den gepflegten Straßen kaum zu sehen. Und höchstens für vier Wochen im Jahr als genehmigungspflichtiger Besuch erlaubt. Natürlich freuen Sie sich auf den Besuch Ihrer Kinder und Enkel, aber definitiv genießen Sie Ihr Leben in Sun City. Zum Beispiel bei einer Partie Golf mit George und Henry, Ihren Nachbarn, während die Gattinnen gemeinsam schwimmen oder shoppen gehen. Zum Lunch treffen Sie sich später im Golfclub oder in einem der zahlreichen Restaurants innerhalb des Einkaufszentrums. Gut gelaunt, eben fit durch Bewegung in frischer Luft, der Lunch war vorzüglich, fahren Sie über breite, mäßig befahrene Straßen nach Hause, Ihr Auge schweift dabei über großzügig angelegte Parkanlagen. Ja wirklich, Sun City bietet Ihnen alles, was Sie brauchen. Zu Hause angelangt, glänzt Ihr Heim: Der Zimmerservice hat geputzt und der Lieferdienst die von Ihnen bestellten Waren gebracht. Einen Augenblick denken Sie daran, auf der Couch ein gemütliches Nickerchen zu halten, immerhin ist es schon nach zwei und Sie sind 77. Aber gerade in diesem Moment erinnert Sie Ihr Göttergatte an das Seminar „Sterbe- und Trauerbegleitung“, das um 15.30 Uhr in Ihrer Kirchengemeinde stattfindet. Und Sie müssen sich noch umkleiden und im Anschluss sind Sie mit Ihren Freunden im „VIP“, der derzeit angesagtesten Bar von Sun City, zu einem Drink verabredet.
Es ist spät geworden, ein Taxi hat Sie beide nach Hause gebracht – in leicht erhöhter Stimmung. Im Bett lassen Sie gemeinsam im Gespräch den Tag ausklingen: „Ja, es war ein guter Tag! Good night, darling. Und morgen wird wieder die Sonne über Sun City scheinen. Dank des „Rundum-glücklich-Pakets“, das Ihnen für 700 Dollar im Jahr erlaubt, das breit gefächerte Freizeitangebot in vollem Umfang zu nutzen, haben Sie auch morgen wieder einen gefüllten Terminkalender. Schon sind Sie fast eingeschlafen, aber etwas fehlt Ihnen in Sun City. Früher wussten Sie es noch, aber jetzt? Nachts träumen Sie von friedlichen Straßen, auf denen Sie in die Gesichter vieler Menschen blicken: Frauen, Männer, Kinder, Alt und Jung.

Bremen

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Verehrte Leserinnen und Leser, nach einem Nachtflug sind wir jetzt in Bremen gelandet. Leider haben wir kurzfristig eine Absage von Henning Scherf erhalten: Vor Ort, eben in der von ihm bewohnten Alterswohngemeinschaft wollten wir mit ihm über das Thema „Wohnen im Alter“ diskutieren.
In seinem Buch „Grau ist bunt“ beschreibt Scherf sein Leben in einer Alten-Wohngemeinschaft, wobei seine Frau lieber von einer Hausgemeinschaft spricht, da WGs in manchen Kreisen immer noch als anstößig gelten. In Jugendjahren erlebte er, wie seine sehr von ihm geliebte Großmutter im Hause seiner Familie lebte und starb: „Das Bild der Großmutter hatte ich vor Augen, wenn ich an mein eigenes Altersleben dachte. Es ist ein Geschenk des Himmels, wenn mehrere Generationen zusammenleben können“. Bereits mit Mitte 40 begannen Scherf und seine Frau, nach der für sie passenden Wohnform zu suchen. Mit Freunden bereiteten sie sich fünf Jahre sehr gründlich auf ihre Alters-WG vor: Man verbrachte viel Zeit zusammen, fuhr gemeinsam in Urlaub, suchte lange nach einer entsprechenden Immobilie. Das Haus wurde altengerecht umgebaut: Es ist schwellenfrei und mit einem Aufzug ausgestattet. Was anfangs als Mehrgenerationenprojekt gedacht war, entwickelte sich im Laufe der Zeit zur Alters-WG mit jüngeren Untermietern. Wie Scherf selbst haben alle Bewohner in jungen Jahren Erfahrungen im Zusammenwohnen mit anderen Menschen gemacht, sind also WG-tauglich. Scherf betont immer wieder, wie viel Arbeit ein gutes Zusammenleben erfordert. Seine Kinder nannten ihn einen „postpubertären Romantiker“, aber gerade wegen seiner verwirklichten Träume ist er zugleich ein Realist. Die Hausgemeinschaft ist vertraglich auf solide Füße gestellt: Jeder Eigentümerwechsel bedarf der Zustimmung Aller. Auch Zuständigkeiten sind präzise geregelt, so ist Scherf beispielsweise für den Garten verantwortlich.
Ungeschminkt beschreibt Scherf, wie die ursprüngliche Vorstellung von einem Mehrgenerationenhaus mit einer Bibliothek und einer großen gemeinsamen Küche immer weiter zusammengeschmolzen ist. Das Zusammenleben in dem Haus sollte ein Gegenmodell zur Großfamilie werden. Was übrig blieb, ist samstags das gemeinsame Frühstück, das die Bewohner reihum organisieren. Auch die Idee, sich gegenseitig im Alter zu pflegen, hat sich als Illusion entpuppt. Vereinbart wurde, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, falls die Bewohner die Pflege nicht mehr gewährleisten können. Scherf ist glücklich in seiner Wahlfamilie: „Andere gehen in die Kneipe. Ich gehe durchs Haus.“

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Auch im Alter ist jeder seines Glückes Schmied. Aber es braucht Zeit, Netzwerke zu knüpfen und Menschen zu finden, mit denen man im Alter wohnen und leben will.

Die Autorin:
Manuela Borkenhagenrostfrei-Autorin Manuela Borkenhagen (49)
absolvierte nach ihren Studien der Germanistik und Sozialarbeit eine therapeutische Zusatzausbildung in Psychoorganischer Analyse – eine therapeutische Fachrichtung, die Psycho-analyse mit Körpertherapie verbindet. Seit vielen Jahren ist sie als Sozialarbeiterin und Heilpraktikerin (Psychotherapie) in ihrer Geburtsstadt Frankfurt am Main tätig.